Biographie: Garabed Hatscherian wurde 1876 in Bardisag in der Provinz Ismit (Nikomedien) in einer armenischen Schule geboren, wo es acht armenische Schulen sowie ein ausgeprägtes Kulturleben mit drei armenischen Zeitungen gab. Nach dem Besuch der amerikanischen Schule in Bardisag und des türkischen Gymnasiums in Nikomedien inskribierte er 1895 an der Medizinischen Hochschule in Konstantinopel Medizin, wo er 1901 als Frauenarzt und Allgemeinmediziner promovierte. 1908 gründete er in Bardisag eine Ortsgruppe der „Armenischen Allgemeinen Wohltätigkeitsunion“ (AGBU = Armenian General Benevolent Union), die er etliche Jahre leitete und die politisch den Liberaldemokraten nahe stand. Die Facharztausbildung absolvierte er an armenischen und französischen Krankenhäusern in Konstantinopel; danach wirkte er etwa 10 Jahre als städtischer Arzt in Bursa. 1910 kehrte er nach Bardisag zurück, wo er als Arzt wirkte und an armenischen Schulen Unterrichtete. Aus seiner 1907 mit Elisa Kostanian aus Akhisar bei Smyrna geschlossenen Ehe gingen drei Söhne und zwei Töchter hervor. Im 1. Weltkrieg diente er in der türkischen Armee an den Dardanellen und in Rumänien. Unterdessen wurde seine Familie 1915 mit den übrigen Armeniern in Bardisag von den Türken niedergemetzelt; er sah seine Heimat nie wieder. Nach Ende des Krieges ließ er sich in Smyrna nieder, wo die armenische Bevölkerungsgruppe bis dahin vom Genozid verschont geblieben war eine Stelle als Chefchirurg und Frauenarzt am armenischen Nationalkrankenhaus erhielt. Von 1911 bis 1913 stand er dem lokalen Bürgerrat vor, von 1919-1921 war er Mitglied des armenischen Kirchenrates in Smyrna. In den Massakern der Türken an 150.000 Griechen und Armeniern nach dem Abzug der griechischen Armee und seiner Verhaftung gelang ihm am 24.9.1922 auf einem amerikanischen Schiff mit seiner achtköpfigen Familie die Flucht nach Mytilene in Griechenland, wo er ein Tagebuch des Untergangs der Armenier in Smyrna verfasste. Im Frühjahr 1923 übersiedelte er mit seiner Familie nach Saloniki, wo er 1927 Vorsitzender des Gemeinderates und 1928 Vorsitzender des Justizrates wurde und im Kuratorium der armenisch-apostolischen Kirche sowie in der AGBU wurde, deren Präsidentschaft er übernahm. Er publizierte auch für armenische Zeitungen und medizinische Zeitschriften. 1950 zog er nach Paris, 1951 mit seiner Familie nach Buenos Aires, wo er 1952 starb. Das Tagebuch des Dr. Hatscherian über die Vernichtung der armenischen Gemeinde in Smyrna gelangte nach Buenos Aires und wurde 1995 von seiner Enkelin Dora Sakayan in Montreal in Armenisch ediert. 1997 erschien die englische Übersetzung, 2000 die französische, 2001 die spanische und griechische, 2005 die türkische im Istanbuler Belge-Verlag – der Verleger Ragip Zarakolu wurde deswegen vor Gericht gestellt – und 2006 die deutsche Übersetzung. Lit.: Dora Sakayan: An Armenian Doctor in Turkey, Montreal 1997; Smyrne 1922. Entre le feu le glaive et l’eau les épreuves d’un medicin armenien, übers. A. d. Engl. v. Ethel Groffier, Paris 2000 ; Smyrna 1922. |