Boris Pahor | | |  | | | | | Der Schriftsteller Boris Pahor wurde am 26.8.1913 in Triest geboren, wo er bis heute lebt. Seine Heimat gehörte bis 1919 zum „Adriatischen Küstenland“ („Primorska“), das in der Österreich-Ungarischen Monarchie einen eigenen Verwaltungskörper bildete und nach Kriegsende zwischen Italien und dem neu gegründeten Königreich der Ser-ben, Kroaten und Slowenen umstritten war. Im Londoner Abkommen von 1915 und im Friedensvertrag von St. Germain zwischen den Alliierten und Österreich wurden Triest und Istrien 1919 Italien zugesprochen, das daraufhin auch das sogenannte »Küsten-land« (Primorska) besetzte. Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen wollte die Besetzung nicht hinnehmen; erst im Grenzvertrag von Rapallo (13.11.1920) wur-den Triest und das Küstenland endgültig Italien zugesprochen. Der Faschismus wurde in Triest noch vor der allgemeinen Machtübernahme zur beherrschenden politischen Kraft. Am 13.7.1920 wurde der »Narodni dom«, das von Max Fabiani erbaute slowe-nische Volkshaus in Triest, von den Faschisten in Brand gesetzt, die 1922 in ganz Ita-lien die Macht übernahmen. 350.000 Slowenen und ein Drittel des slowenischen Sied-lungsgebietes sahen sich ab 1923 einer Entnationalisierungspolitik ausgesetzt: Die slowenische Sprache wurde aus der Schule und den Ämtern verdrängt. Mussolini er-klärte, dass man die Slowenen wie Wanzen ausrotten müsse. Es kam daher bald zur Bildung der antifaschistischen Widerstandsgruppe TIGR, deren Name aus den An-fangsbuchstaben von Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) als den zu befreienden Gebieten gebildet wurde. Ein italienisches Sondertribunal (1. Schauprozess) verurteilte am 5.9.1930 vier Slowenen zum Tode, die am nächsten Tag in Bazovica hingerichtet wurden. Der 1913 geborene Triestiner Slowene Boris Pahor, der als Kind den Brand des »Narodni dom« erlebt hatte, stand der nichtkommunistischen Organisation TIGR nahe. In einem zweiten Prozess wurden 1941 weitere fünf Slowenen zum Tode verurteilt. 1941 nahm Italien am deutschen Überfall auf Jugoslawien teil und annektierte die »Provincia Lubiana«, während das »Großdeutsche Reich« sich die Südsteiermark mit Marburg/Maribor und Oberkrain einverleibte. Nach dem Sturz des faschistischen Regimes am 25. 7. 1943 proklamierte die »Osvobodilna fronta«, die von den Tito-Kommunisten geführte »Volksbefreiungsfront«, das gesamte slowenische Siedlungsgebiet mit Triest, Görz, Cividale und Tarvis und den Anschluss des Küstenlandes an Jugoslawien. Ein Großteil der 1918 Italien zugeteilten slowenischen Gebiete kam nach 1945 an Jugoslawien; lediglich Triest erhielt einen Sonderstatus. Die italienischen Bewohner der istrischen Küstenstädte flohen zum größten Teil nach Italien. Am 10.2.1947 unterzeichneten Jugoslawien und Italien das Pariser Friedensabkommen, durch das Tarvis, Cividale, Görz und Monfalcone an Italien fielen. Triest erhielt den Sonderstatus bis 1954; durch das Londoner Abkommen blieb es dann endgültig bei Italien, während Jugoslawien Istrien behielt. Später sinnierte Pahor: „Als man die sloweniwschen Lehrer von den Triester Schulen wegjagte, erlitt ich mein schwerstes Trauma. Anstelle der Muttersprache wurde einem eine andere Sprache auferlegt, samt dem Bewusstsein, einem verdammten Stamm anzugehören. So fängt man an sich einzuigeln.“ Vier Jahre konnte Pahor in Triest die dortige slowenische Grundschule besuchen, bis der Schulunterricht in slowenischer Sprache durch die „Reform“ des Ministers Gentile verboten wurde und er in die italienische Grundschule wechseln musste (1919-1923). Das Gymnasium besuchte Pahor bis 1935 am Priesterseminar in Koper/Capodistria, das damals zu Italien gehörte. 1930 erlebte er in Triest den ersten Prozess gegen die Widerstandsgruppe TIGR, die die Slowenen in Triest, Istrien und Görz sowie Rijeka befreien wollten. 1930 erlebte er den ersten Prozess gegen die Tigre unter Ferdo Bi-dovec in Triest, nach dem vier Kämpfer in Basovica exekutiert wurden, 1941 den zweiten, bei dem es zu Todesurteilen kam. Die Tigre standen in Verbindung mit dem niederen Klerus, hatten aber auch Kontakte zu den Kommunisten in Jugoslawien und zu Kärnten, insbesondere zur Gruppe in Maria Gail. Bis 1938 studierte Pahor am Priesterseminar in Görz Theologie. Der Schulabschluss in Koper wurde in Italien jedoch nicht anerkannt; Jahre hindurch musste Pahor sich bemühen, bis er endlich eine Zulassung zum Studium an einer italienischen Universi-tät erhielt. Obwohl die Kontakte zwischen in Italien lebenden Slowenen und Jugosla-wien verboten waren, konnte Pahor unter dem Pseudonym Jožko Ambrožič in Ljublja-na seine ersten Texte in den Zeitschriften »Mladika« (Der Jungtrieb), „Malajda“ („Kin-der der Sonne“,1938) und »Dejanje« (Die Tat, 1939/40) veröffentlichen. Die Gruppe, die engen Kontakt mit der französischen Zeitschrift «Esprit» unterhielt, geriet in einen Konflikt mit dem damals vorherrschenden slowenischen Klerikalismus und näherte sich stark der Linken an, wobei sie sich der Gefahr eines kommunistischen Totalita-rismus bewusst blieb. In seiner Schrift «Überlegung zu Spanien» warnte der Linkska-tholik und Dichter Edvard Kocbek vor Totalitarismen rechter und linker Provenienz. Dessen ungeachtet schlossen sich die Christlich-Sozialen mangels Alternativen nach Ausbruch des Krieges der anfangs als Koalition konzipierten Befreiungsfront an. Diese sollte im Laufe der Zeit von den Kommunisten völlig vereinnahmt werden. Auch Pa-hor, der den Faschismus kannte, stand hinter dieser Entscheidung. Die Ermordung des slowenischen Chorleiters Lojze Bratuž 1937 verarbeitete Pahor 1959 in der Erzählung „Rože za gobavca“ („Blumen für einen Aussätzigen“). 1938 kehrte er nach Triest zurück, wo er mit Intellektuellen und Schriftstellern wie Stanko Vuk sowie zur Befreiungsbewegung TIGR in Kontakt trat. Seit 1939 stand Pahor in Kontakt mit Edvard Kocbek, mit dem er seit 1940 korrespondierte. Er wurde zum Militärdienst eingezogen und kam nach Libyen. Dort gelang es ihm 1940 in Bengasi, das nicht anerkannte kirchliche Abitur nachzuholen. Nach Italien zurückgekehrt, wurde er Dolmetscher für die gefangenen Offiziere der jugoslawischen Armee in Bogliaco am Gardasee. Schon als Soldat studierte Pahor an der Universität in Padua. Nach dem Zusammenbruch Italiens kehrte er 1943 nach Triest zurück, wo er sich der slowenischen Befreiungsfront anschloss. In ieser Situation spielen die beiden Romane „Die Stadt in der Buch“ (1955) und „Verdunkelung“ (1975). Am 21.1.44 verhaftete ihn die Domobranska policija, die ihn der Gestapo übergab und im Coroneo-Gefängnis inhaftierte. Am 28.2.44 wurde Pahor nach Dachau deportiert, von dort nach Markirch im Elsass und Natzweiler-Struthof, dann wieder nach Dachau, danach zum KZ Dora-Mittelbau, nach Harzungen und schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im Frühjahr 1945 befreit wurde. Über Holland und Brüssel fuhr er mit dem Zug nach Paris. „Mir ist mir ja schon lange bewusst, dass meine Erlebnisse im Vergleich zu denen, die andere in ihren Erinnerungen beschrieben haben, eigentlich bescheiden sind.“ Pahor besuchte Paris und konnte im Sanatorium Villers-sur-Marne Ende 1946 seine Tbc-Erkrankung auskurieren, um dann endgültig nach Triest zurückzukehren. Einige Jahre arbeitete er als freier Schriftsteller; er musste auf diese Weise Geld verdienen, da ihm die Behörden die Unterrichtserlaubnis verweigerten. In Padua verfasste er 1947 seine Dissertation »Espressionismo e neorealismo nella lirica di Edvard Kocbek« (Expressionismus und Neorealismus in der Lyrik von E. Kocbek). Nach Ende des Krieges setzte Pahor seine schriftstellerische und politische Tätigkeit in Triest fort. Erst ab 1953 konnte er an einem slowenischen Gymnasium in Triest ar-beiten, wo er bis 1975 wirkte, als er, aufgrund seiner Wehrdienstjahre und seines Sta-tus als ehemaliger KZ-Insasse, vorzeitig pensioniert wurde. Nach dem 2. Weltkrieg publizierte er in den Triestiner »Razgledi« (Ausblicke), »Sidro« (Der Anker), »Tokovi« (Strömungen) und gab von 1966 bis 1990 die Zeitschrift »Zaliv« (Die Bucht) heraus. Da Pahor sich stets für die slowenische Eigenständigkeit und den politischen Pluralismus engagierte, kam er mehrfach in Konflikt mit den jugoslawischen Machthabern: zunächst 1951, als er eine positive Beurteilung der Novellen von Kocbek publizierte und dann 1975, als er ein Interview Kocbeks in dem mit Alojz Rebula herausgegebenen Buch »Edvard Kocbek: pričevalec našega časa« (E. K.: Ein Zeuge unserer Zeit), in welchem Rebula die Ermordung der entwaffneten Domobranci im Mai und Juni 1945 verurteilte, veröffentlichte. Deswegen durften Pahor und Rebula zunächst für ein Jahr, dann aber für weitere zwei Jahre nicht nach Jugoslawien reisen. Anfang der siebziger Jahre wurde Pahors Essaysammlung «Odisej ob jamboru“ (Odysseus am Mast), in der er sich für politischen Pluralismus und eine größere Selbstständigkeit Sloweniens innerhalb Jugoslawiens einsetzte, von den Beamten der jugoslawischen Geheimpolizei in den Bibliotheken und Privatwohnungen beschlagnahmt. 1989 publizierte Pahor »Ta ocean strašnó odprt” („Dieser furchtbar offene Ozean“), ein Erinnerungsbuch an Kocbek. Seit der Veröffentlichung der Novellensammlung »Moj tržaški naslov« (1948; „Meine Triestiner Adresse“) blieb er mit Romanen und Novellen, dokumentarischer Erinnerungsprosa sowie kulturpolitischer Publizistik prä-sent. Dabei finden sich zwei Leitmotive: die Frage der nationalen Existenz der Slowe-nen in Triest und die Erlebnisse im Konzentrationslager. Diese erste Skizzensamm-lung enthält bereits die Novelle „Naslov na žaganici“ (Die Adresse auf dem Brett). Die nationale Frage kommt in der Novellensammlung »Grmada v pristanu« (1959; Feuer im Hafen), »Metulj na obešalniku« (Der Schmetterling auf dem Kleiderhaken; 1959) und »Rože za gobavca« (Blumen für einen Aussätzigen; 1959) zur Geltung, die KZ-Ereignisse in »Naslov na žaganici« („Die Adresse auf dem Brett“) und »Nenava-den sprejem« (1960; „Ein ungewöhnlicher Empfang“). Triest und seine Umgebung be-gleiten den Autor auch dann, wenn er in einer ganz anderen Umgebung oder Gedan-kenwelt ist. Vor allem das Meer dient ihm zur Darstellung und Deutung von Stimmun-gen und Gefühlen, wie es auch in der Novelle »Na školjih« („Auf den Klippen“; 1960) zum Ausdruck kommt. Pahors Biographie spiegelt sich in seinen Werken, die fast alle zur Gattung der autobiografischen Romane gehören. 1955 erschien der Roman „Vila ob jezeru“ (Die Villa am See). „Die Villa am See“ ist ein Roman Pahors über eine flüchtige erotische Begegnung zwischen dem Triester Architekten Mirko Godina (einem ehemaligen italienischen Soldaten und KZ-Häftling) und der italienischen Arbeiterin Luciana (eine Mussolini-Sypathisantin) sowie über ihr Verhältnis zur Geschichte nach dem Kriegsausbruch am Gardasee. Als slowenischer Triestiner ist Mirko mit dem nationalen und persönlichen Trauma belastet. Er wächst aus ihm mittels der pygmalionartigen Verführung des unwissenden Arbeitermädchens heraus, das er schließlich mit Hilfe der Literatur in ein selbständig denkendes Wesen "umerzieht" und den leer gewordenen Platz in ihrem Herzen einnimmt, der vorher vom Diktator belegt war. Die Grundidee des Romans ist die Verurteilung jeglicher Diktatur sowie nationaler und sozialer Unterschiede. Die Villa am See ist für das erotische Paar ein Ort der Geschichte, wo Mussolini einst lebte, den sie mit ihrem Kulturbewusstsein überwinden, auch wenn sie vom sozialen, nationalen und politischen Standpunkt her unterschiedliche Auffassungen vertreten. Für die zwei Protagonisten mündet die eroti-sche Begegnung in Kameradschaft, wobei seine "Baupläne" letzten Endes auch nur "Pläne" sind. Im gleichen Jahr 1955 erschien in Koper sein Roman „Mesto v zalivu“, der 2005 unter dem Titel „Die Stadt in der Bucht“ in deutscher Übersetzung erschien. Die 3. Aufl. erschien 1989 in Triest, eine weitere Ausgabe 2004 in Ljubljana. Der Roman „Nomadi brez oaze“ (Nomaden ohne Oase, 1956), trägt den Untertitel „Afriška kronika«, weil der interessanteste Teil des Textes als authentischer Tagebuchbericht in der ersten Person gestaltet und in den in der dritten Person gestalteten Erzählfluss eingefügt ist; die zentrale literarische Gestalt der gesamten Erzählung ist der fiktive Protagonist Bojan Pertot. Der Text enthält zunächst die Motivik soldatischen Lebens mit kennzeichnenden Situationen und Gesprächen einer eng miteinander verbundenen Menschen-Gruppe, die physisch und seelisch das Erleben in Kriegssituationen und in natürlichen Umständen durchmachen. Diese Textpassagen sind auch deshalb besonders interessant, weil die Gruppe Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen bilden, Deutsche, Kroaten, Italiener aus verschiedensten Gebietsteilen Italiens, Slowenen und Männer, die sich ethnisch und sprachlich nicht einzuordenen vermögen. Unter den herausragenden Textpassagen sind die Beschreibungen afrikanischer Landschaften hervorzuheben, die mit bildhaften Beschreibungen afrikanischer Exotik und mit stimmungsvollen Darstellungen von Sonnenuntergängen, der libyschen Wüste und ihrer stechenden Hitze, der Sandstürme und der unendlichen Weite der Landschaft durchwoben sind. Pertots Leben beim Militär wird auch von Er-innerungen an die jüngste Vergangenheit und von Selbstreflexion mit jener typischen optimistisch ausgerichteten Entschlossenheit begleitet, dass er aushalten und sich mit allem konfrontieren muss, was auf ihn zukommt. Die interessantesten Passagen fin-den sich im engeren Chronikteil des Textes, in dem sich dem Schriftsteller (bzw. sei-nem Helden Bojan Pertot) angesichts der Lebensansichtsfragen und im Kontakt mit der Welt der Muslime Fragen zu Religion, vor allem zur Symbolik des Leidens Christi als Vorbild und zur Bildung im Namen des Leidens eröffnen. Seine Bedenken ange-sichts eines so interpretierten Rollenbildes des Christentums verbindet er mit dem En-gagement für die Weite von Menschlichkeit, die seiner Meinung nach im Widerstand und nicht in Ergebenheit und Entsagung begründet sein muss („Bedeutsam ist das Bild, das sich der Mensch von einem guten Menschen formt... Eines lebendigen unter den wahren Menschen, eines richtigen Menschen wie andere auch, aber dennoch in einem gewissen Maß unterscheidbaren, spielerischen und gleichzeitig tiefen, vor al-lem aber keineswegs vergeistigten, keineswegs heiligen Menschen...“). Der Erzähler entwickelt seinen Gedanken zur Suche nach Bewusstem in innerer Freiheit, Selbstbe-sinnung und mitmenschlicher Verbundenheit. Eine Bestätigung für die Ausrichtung seiner intimen humanistischen Selbstbildung findet er auch in Dostojewskijs Werk „Der Mensch aus dem Untergrund“, schließlich auch in seinem Vertrauen auf „die un-ermessliche Übermacht des Universums“ (wie er sie auch in der arabischen Motivik findet) und im Rückhalt, den er in Prešerens Poesie entdeckt („weil er auf sein Volk von außen blicken konnte, obgleich er zur Gänze in ihm war“). Die letzte Tagebuch-eintragung stammt vom 8.2.1941, als das Schiff mit der heimkehrenden italienischen Armee Capri zusteuert. Pahor entdeckt mit seinem Helden jene Bedeutung, die ihm Kocbeks „Überlegungen zu Spanien“ und seine Zeitschrift „Dejanje“ vermittelt hatten. Es geht um die Bedeutung des Slowenentums und der Tatsache, dass er in seinem Innersten „in größerem Ausmaß Positivist und Materialist ist, als er es sich je hätte vorstellen können“ – und dies im Hinblick auf seine spiritualistisch geprägte Zeit im Priesterseminar. Im Tagebuchteil wird häufig Eduard Kocbeks Name („Edi“) genannt, der im Autor Selbstbewusstsein und Hoffnung weckt. 1967 erschien in Maribor Pahors bekanntester Roman „Nekropolis“ (2. Aufl. Ljubljana 1997 in überarbeiteter Form), der seinen Namen weit über seine Heimat bekannt machte und der auch ins Französische, Englische, Deutsche, Italienische und ins Es-peranto übersetzt wurde. Aus dem KZ Bergen-Belsen, einer Zweigstelle von Buchen-wald, fuhr Pahor im Frühling 1945 mit dem Zug über Holland nach Paris, das ihm eine zweite Heimat wurde. Von Paris aus kehrte er schließlich nach Triest zurück. Der Na-me lehnt sich an die Bezeichnung des französischen Denkmals „nécropole nationale“ an; erzählt wird aus der Perspektive des Reisenden, der in den 60er Jahren die Stätte seines Leidens wieder besuchte, wo er dem norwegischen KZ-Arzt Leif assistieren musste. Durch die Vielsprachigkeit überlebte er als Krankenpfleger im KZ; „gleichzei-tig ermöglichte mir die besondere Fähigkeit der Slowenen, sich in den Geist einer Fremdsprache einzufühlen, aus der Anonymität herauszutreten. Ich weiß nicht, ob diese Fähigkeit ein Zeichen für psychologischen Reichtum, für inneren Schwung und kaleidoskopische Vielfältigkeit unseres Geistes ist, oder nur eine wunderbare Flexibli-tät, die uns über Jahrhunderte hinweg erlaubt hat, uns dank der fortwährenden Gefü-gigkeit und Anpassungsfähigkeit reicher zu machen.“ Alle späteren Themen Pahors klingen hier bereits an: der Kampf gegen den Faschismus, die Entnationalisierungspo-litik der Großmächte und der Kampf um die Erhaltung der nationalen Identität. Die Episode des Pflegers Janoš wurde bereits 1947 verfasst. Pahors Romane entstanden aus Einzelelementen, die vorab publiziert wurden. Eine Fortsetzung von „Nekropolis“ bildet das Werk, das 1958 unter dem Titel „Onkraj pekla so ljudje“ („Jenseits der Hölle sind Menschen“) und 1975 unter dem Titel „Spopad s pomladjo“, 1995 auf Französisch unter dem Titel „Printemps difficile“ und 1997 nach der 3. Aufl. (1975) auf Deutsch unter dem Titel „Kampf mit dem Frühling“ erschien und Pahors Zeit am Kriegsende in Frankreich und seinen Aufenthalt in einem französischen Sanatorium beschreibt. Im Mai 1945 fährt der Autor von Celle über Brüssel nach Paris. „Die Zeitungen brachten jeden Tag Nachrichten aus Triest, doch die Euphorie, die sich seiner bemächtigt hatte, als er in Lille beim Friseur von der Be-freiung der Stadt gehört hatte, verflog langsam wieder. Es war wie das Ende einer Utopie, besonders von dem Augenblick an, als ihm klar wurde, dass das Schicksal Triests abhängig war vom Verhältnis der östlichen und westlichen Hemisphäre,…dass trotz der Wahrheit über die Krematorien die Herrschenden nicht zu einer neuen und tieferen Einsicht gereift waren.“ Radko Suban lernt im Sanatorium eine französische Krankenschwester kennen, die sich um ihn bemüht, „eine Stellvertreterin aller Men-schen“. Der Held freut sich an Paris. „In einer Erotik, die gesättigt war von jahrhunder-tealten Erinnerungen und Schicksalen, hier würde man schnell den Boden gewinnen, in dem die bloßliegenden Wurzeln wieder Halt fänden.“ Den „modernen Odysseus“ zog es nicht mehr nach Ithaka. Paris und Frankreich wurden ihm zu einer zweiten Heimat. Von Frankreich aus begann dann auch die internationale Rezeption der Wer-ke Pahors; erst danach wurden sie auch ins Deutsche, Italienische und Englische übersetzt. 1968 besuchte Pahor mit Edvard Kocbek, Aloyz Rebula und anderen slowenischen Autoren Klagenfurt, wo sie an einer Lesung im Konzerthaus teilnahmen. Dabei kamen auch die Ereignisse rund um den „Prager Frühling“ zur Sprache. 1970 erschien in Maribor sein Buch „Skarabej v srcu“, (Skarabäus im Herzen“) in dem eine Reise über Kreta, Zypern, Libanon und Syrien nach Ägypten beschrieben wird, eine weitere Aus-einandersetzung mit dem Orient. Zu seinem Siebzigsten stellte Kocbek 1974 in einem Gespräch mit Boris Pahor seine Ansichten zur Befreiungsfront dar, wirft ein grelles Licht auf die Abschlachtung der Domobranzen und ruft zum Schuldeingeständnis auf. Damit löst er seinen letzten Konflikt mit den Mächtigen aus. 1975 folgte der noch im gleichen Jahr ins Französische übersetzte Roman »Zatemni-tev« (Verdunkelung), der 2009 in deutscher Übersetzung in Klagenfurt erschien. Er enthält die Geschichte des Triestiner Slowenen Radko Suban, seine Tätigkeit in Liby-en und als Dolmetscher am Gardasee und seine Flucht nach dem Zusammenbruch des faschistischen Italien nach Triest. Auffallend ist, dass Pahor sich in diesem Werk, das die gleiche Situation wie „Die Stadt in der Bucht“ beschreibt, sich auch sehr kri-tisch mit den Ermordungen der Regimegegner durch das Jugoslawien Titos ausei-nandersetzte. 1999 erschien sein Roman „Zibelka sveta“ (Die Wiege der Welt), in dem die Begeg-nung Pahors mit Frankreich nach 1945 fortgeschrieben wird. Der Roman enthüllt am Beispiel der beiden Protagonisten, des heute 65-jährigen ehemaligen KZ-Häftlings Igor Sevken und der in einem französichen Vogesendorf beheimateten 30-jährigen Ärztin Lucie die bittere Geschichte zweier durch schlimme Lebenserfahrungen ge-zeichneter Menschen. In Igor erkennt man unschwer die Lebensgeschichte des in Triest in Italien beheimateten Boris Pahor, der in den 40-er-Jahren des 20. Jahrhun-derts von den Nazis in einem Lager in den Vogesen interniert war. Eine Retrospektive, die er in einer französischen Zeitschrift veröffentlicht, regt Lucie an, mit ihm in briefli-chen Kontakt zu treten. Aus der ersten Begegnung in Paris wächst eine leidenschaftli-che, schmerzhafte Liebesbeziehung, über der für Igor der wilde Schatten einstiger La-gertage im gestreiften Sträflingsanzug, für Lucie ihre bittere Missbrauchserfahrung durch den autoritären eigenen Vater und eine die Wahrheit negierende Mutter, die selbst einst missbraucht worden war, schwebt. Der in Triest, einem »musealen Heilig-tum«, lebende Igor erlebt anlässlich der Begegnungen mit Lucie vorzüglich an europä-ischen Gewässern, in verträumten Restaurants und Cafes an der Seine in Paris, an der Ill in Strasbourg, am See in Genf seine und seiner aus der Erinnerung herauf-kommenden Mitstreiter durch den sprachimperialen und assimilatorischen italieni-schen Faschismus geprägte Geschichte wieder. Die Bucht von Duino, an der einst Rilke dichtete, und die Weite des Meers um Triest ist für Igor ein sicherer Ankerplatz in einer unsicheren Welt. »Ja, dort war er ihr am ähnlichsten, in der wiedergefundenen Welt der Menschen, in der Gewalt jener Gestalten, die er in sich trug und die ihn noch lange begleiten würden«. Auch Lucie ist, ähnlich wie Igor, »ein Flüchtling in ihrer eige-nen Heimat«, dem patriarchalen Dorf in den Vogesen in unmittelbarer geographischer Nähe zu Igors Marterlager. Nach dem gemeinsamen Besuch beider Orte in den Vo-gesen, in ihrem Heimatdorf und – in unmittelbarer Nähe – in jenem Ort mit dem Sta-cheldraht rund um die Baracken gibt es trotz der dunklen Vergangenheit Optimismus in beiden geschundenen Seelen. Igor stellt angesichts des italienisch-slowenischen Zusammenlebens in und um das multikulturelle Triest fest, dass nur auf diesem Mit-einander »die einzig weise Zukunft Europas aufgebaut werden kann«, und Lucie ver-bindet mit Igor die schöpferische Kraft des Schreibens, die in einer von beiden als Vergangenheitsbewältigung konzipierten Trilogie, wie sie es nennt, münden soll. In ei-nem letzten Brief, den er Lucie schreibt, wünscht er sich nicht ganz uneigennützig und in angenehmer Erinnerung an tiefe Begegnungen, diese neue Ausrichtung des Le-bens möge für Lucie noch nicht so bald kommen. Die weibliche Körperlichkeit wird im vorliegenden Roman Pahors als weltsinnstiftendes Element entdeckt, als Wiege der Welt, in der Kultur und Zivilisation »großgezogen« wird. 2001 erschien Pahors Novellensammlung »Dihanje morja« (Das Atmen des Meeres) in Ljubljana. 2003 folgte der autobiographische Roman »Notranji odmevi zgodba o re-ki, kripti in dvorljivem golobu« (Die Geschichte des Flusses, der Krypta und der ver-liebten Taube), der gewissermaßen eine Fortsetzung der »Wiege der Welt« darstellt (Litera, Maribor). Pahor erzählt in „Trg Oberdan“ (2007, deutsch 2008 als „Piazza Oberdan“) anhand der Geschichte des Platzes, der von den Italienern nach Guilielmo Oberdank benannt und von den Österreichern nach einem Attentatsplan gegen Kaiser Franz Joseph ge-hängt wurde, die Geschichte der Slowenen in Triest. In der k.u.k.-Zeit lebten Slowe-nen, Italiener und deutschsprachige Österreicher hier im Wesentlichen friedlich zu-sammen. Die ältesten Schichten des wie so oft bei Pahor aus einzelnen Versatzstü-cken zusammengesetzten Textes stammen von 1939, die jüngsten von 2005. Nach dem Anschluss der weltoffenen Stadt, die einer Vielfalt von Kulturen offen gegenüber-stand, machte sich hier der Faschismus schon vor der Machtübernahme in Italien be-merkbar. Die vom 7-jährigen Pahor miterlebte Niederbrennung des slowenischen Kul-turhauses am 13.7.1920 blieb bis heute ungesühnt. Immer wieder dient die einst poly-glotte Stadt, die im Einvernehmen mit dem slowenischen Hinterland auf dem Karst lebte, den Aufmärschen postfaschistischer Gruppen, Bersaglieri usw.; die slowenische Identität ist auf den ersten Blick nicht mehr zu spüren. Pahors Bestreben geht dahin, die Vielfalt der Kulturen in der Hafenstadt auch für die Zukunft in einem vereinten Eu-ropa zu erhalten. „Piazza Oberdan ist ein in jeder Hinsicht merkwürdiges Buch“, schreibt Karl Markus Gauss, „…. Auch formal geht Pahor in Piazza Oberdan unge-wöhnliche Wege. Ist das eigentlich ein Roman, eine historische Studie, eine politische Streitschrift, ein Novellenkranz? In seinen Lebensbericht, den Roman eines urbanen Platzes, dessen Bauwerke von Aufbruch, Gewalt, totalitärem Kult des Gedenkens und gesellschaftlicher Amnesie erzählen, hat er Abschnitte aus historischen Abhandlungen montiert und Novellen aufgenommen, die er selber vor Jahrzehnten verfasst hat“ (Die Zeit, 31.12.2007). 2008 erschien sein jüngstes Buch „Moje Suhote“ („Meine Zu-fluchtsräume“, Študentska založba), das 15. Buch, eine Art geistige Autobiographie, die den Weg seiner ideologischen Wandlungen vom Klerikalismus und Sozialismus bis zur Gegenwart skizziert. Er kommt wieder auch die Schwierigkeiten und Konflikte mit der Kirche, seine nichtkirchliche Hochzeit mit der Schriftstellerin Radoslava Premrl (1921-2009), die Zeit des Faschismus, das Soldatenleben und seine Aufenthalte in den Konzentrationslagern zu sprechen. Es handelt sich bei diesem Panorama um ein Vermächtnis seines politischen Lebens. Pahor setzte sich auch mit der Literatur des Küstenlandes auseinander. 2004 erschien »Letteratura slovena del Litorale. Kosovel a Trieste e altri scritti« in Triest und 2008 „Srečo Kosovel: pričevalec zaznamovanega stoletja«. Pahor, der Redakteur der literarische Zeitschrift »Zaliv« (Die Bucht), war auch Mitarbeiter von »Nova Revija« (Die neue Zeitschrift). Mehrere Novellen erschie-nen in Serbokroatisch, Ungarisch, Deutsch, Französisch und Italienisch. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. So erschien »Vila ob jezero« 1958 auf Ser-bisch, 1998 in Französisch. Der Roman »Spopad s pomladjo« erschien 1995 auf Französisch und 1997 in Deutsch als »Kampf mit dem Frühling«. »Nekropola« wurde 1990 ins Französische, 1995 ins Englische und 2001 ins Deutsche übersetzt, »Za-temnitev« erschien 1998 in französischer Übersetzung. Eine Sammlung von Novellen erschien 2000 in französischer und 2004 in deutscher Übersetzung (Blumen für einen Aussätzigen, Kitab, Klagenfurt), ebenso 2005 „Die Stadt in der Bucht“. Von den slo-wenischen Dichterkollegen setzte Drago Jančar sich mehrfach mit Pahor auseinander, wie z. B. in „Der Mensch in der Revolte. Ein Slowene in Triest“ (NZZ 248, 2004) und „Das eigene Gesicht: Über Boris Pahor und die slowenische Frage Europas“ (Literatur u. Kritik 417/18, 2007). Pahor ist Träger des höchsten slowenischen staatlichen Prešeren-Preises, Stipendiat der Französischen Akademie der Künste und Träger des Silbernen Freiheitsabzeichens der Republik Slowenien. 2002 erhielt er für „Nekropolis“ den Bestenpreis des Südwestfunks Baden-Baden. Im Mai 2007 wurde Pahor von Frankreich in die Ehrenlegion (Légion d‘honneur) aufgenommen. 2008 veröffentliche das italienische Journal „La Repubblica“ den Artikel „Il caso Pahor“, der zu einem Um-denken in der öffentlichen Meinung Italiens führte. Zu den Europawahlen 2009 kandi-diert er mit einer Gruppe von Vertretern von Minderheiten in Italien. Boris Pahor ist in der Gegenwart der bedeutendste slowenische Autor, dessen Wirksamkeit weit über den slowenischen Raum hinaus auch die großen Kulturnationen Europas erreicht hat.
Wichtigste Novellensammlungen: 1948 Moj tržaški naslov, Triest 1959 Kres v prestanu, Ljubljana, 2. Aufl. 1972 1960 Na sipini, Ljubljana 1974 Varnop naročje, Maribor 1974 2001 Dihanje morja, Ljubljana 2001
Wichtigste Werke (Romane): 1955 Die Stadt in der Bucht, Koper 1956 Nomaden ohne Oase, Koper 1958 Kampf mit dem Frühling (Onkraj pekla so ljudje“, Ljubljana) („Jenseits der Hölle sind Menschen“) u. 1975 (unter dem Titel „Spopad s pomladjo“) 1964 Parnik trobi nji, Ljubljana 1967 Nekropolis, Maribor 1970 Skarabej v srcu, Maribor 1975 Verdunkelung 1975 Edvard Kocbek: pričevalec našega časa (hrsg. mit Rebula) 1989 Ta ocean strašnó odprt” („Dieser furchtbar offene Ozean“) (Kocbek-Erinnerungsbuch) 1999 Die Wiege der Welt 2003 Zgodba o reki, kripti in dvorljivdem golobu 2007 Piazza Oberdan 2008 Moj Suhote | | | | | | | |
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