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Freitag, 18 Mai 2012
 
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Renoldner Andreas: Unter die Haut. Roman, 2007 PDF Drucken E-Mail
Ein Versuch über die alltägliche Liebe. (DR)
Ein Mann und eine Frau beschließen, gemeinsam zu leben. Darum dreht sich dieser kurze Roman - es geht um die Liebe. Vor allem um die Frage, was Liebe denn eigentlich ist. Dabei hat sich der Autor nicht die abstrakte, märchenhafte Form der Liebe ausgesucht, die man in Hollywoodfilmen trifft. Er beschreibt die völlig "normale", alltägliche Liebe, die jedem von uns hin und wieder widerfährt. Also die Art Liebe, bei der es um Fragen geht, wie jener nach der Zuständigkeit fürs Müllrausbringen.
Es braucht etwas Zeit, bis man Zugang zu diesem Roman findet, dann allerdings begeistert er.
Bibliotheksnachrichten
Sabine Eidenberger
 

Was für ein sinnlich gruseliger Titel! - Unter die Haut geht bekanntlich alles, was man an Schrecken und Gefühlsexplosion als Inhaber eines Körpers noch nicht richtig einem Sinnesorgan zuordnen kann, und unter die Haut wird im medizinischen oder Junkie-Bereich alles gespritzt, was nicht in die Venen gehört.
Andreas Renoldner bringt für seine verspielt kühle Liebesgeschichte einen Erzähler in Stellung, der immer wieder ins lyrische Du hinüberwechselt, aber dann doch recht ernüchtert unter seine eigene Haut schlüpft, in der er manchmal gar nicht stecken will.
Alle Liebesgeschichten sind nach einem ewigen Grundmuster gestrickt: Entflammung, Ernüchterung, Durchhalten, Abschwellung.
In Andreas Renoldners Roman sind die Kapitel minutiös aufgeführt, man denkt unwillkürlich an die Genauigkeit einer Katastrophenuhr, wenn es etwa zu Beginn heißt: 16. Februar, 23:58:56. Diese Genauigkeit der Zeitangabe widerspricht dem weiten Gefühl der Liebe, die sich flächendeckend zeitlos nieder gelassen hat. Die Liebe wird umhüllt von einer gemeinsamen Haut, die freilich immer wieder aufreißt: Zum Vorschein kommt das größte Sinnesorgan des Menschen, die Haut, die sich erotisch betreuen lässt und dabei ganze Drehbücher an Sinnlichkeit verschlingt.
Nachdem die Liebe hochgefahren ist, rückt der Alltag an, die Haut kann bedrohlich werden, weil sie an allen Ecken und Enden vereinsamt, während nur mehr die nötigsten Handgriffe der Erotik geschehen. Mit der Zeit häufen sich die Krisen, die Frau verlässt das gemeinsame Bett und hängt in ihrem Zimmer das Hotelschild auf: Bitte nicht stören! Jetzt wird es für den Erzähler Zeit, einen neuen Status zu definieren, die Liebe wird abgeklärt und flüchtet sich in den schönen Satz: Das Schlimmste ist vorbei!
In diese ergreifende Love-Story, die wörtlich unter die Haut geht, ist eine Gegenwelt der Steppe eingelagert. Der Erzähler hört immer wieder Stücke aus weiten, wüsten Gegenden, die genauen Zeitangaben sind vielleicht auch ein sendetechnischer Hinweis, dass jetzt das Hörspiel bald zu Ende sein wird, denn bei Hörspielen geht es immer um Sekunden.
Wenn die Zweierbeziehung die innigste Gemeinschaft ist, die sich für Momente denken lässt, so ist eine Steppengemeinschaft die weiteste und pragmatischste. In der Einöde eine Stadt zu bauen und an die Zukunft zu denken, braucht klaren Willen und heftige Lebenslust. Eine Wüstengemeinschaft ist vielleicht die sinnlichste Form des Zusammenlebens und nicht umsonst tragen alle weit ausholenden Gedanken die Luft der unendlichen Steppe in sich.
Der Erzähler hört sich fast täglich diese Steppenhörspiele an und kommt resignierend zum Schluss: "Die Geschichten aus den Steppenländern haben mit deinem Leben nichts zu tun." (91)
Unter die Haut ist ein märchenhaft realistischer Roman über die Liebe im Alltag, über jene fernen Träume, die aus entlegenen Sendern nachts an unser Ohr dringen, und über die Unmöglichkeit, aus der eigenen Haut zu schlüpfen und bei jemand anderem unterzukriechen. Gefühle können zwar unter die Haut gehen, aber wir können als Ganzes unter keiner Haut Unterschlupf finden. - Ein merkwürdig naher Steppen-Roman!
Helmuth Schönauer
 

Ein Versuch über die alltägliche Liebe. (DR)
Ein Mann und eine Frau beschließen, gemeinsam zu leben. Darum dreht sich dieser kurze Roman - es geht um die Liebe. Vor allem um die Frage, was Liebe denn eigentlich ist. Dabei hat sich der Autor nicht die abstrakte, märchenhafte Form der Liebe ausgesucht, die man in Hollywoodfilmen trifft. Er beschreibt die völlig "normale", alltägliche Liebe, die jedem von uns hin und wieder widerfährt. Also die Art Liebe, bei der es um Fragen geht, wie jener nach der Zuständigkeit fürs Müllrausbringen.
Es braucht etwas Zeit, bis man Zugang zu diesem Roman findet, dann allerdings begeistert er.
Sabine Eidenberger (Rezensionsdatenbank des Österr. Bibliothekswerkes)
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten

 


Der Roman »Unter die Haut«, der zwei Geschichten filmschnitthaft verschränkt, erzählt eine Beziehungsgeschichte mit »langem I« (Metapher für Liebe) und quasi im Inneren Monolog eine (Traum?)Reise in und durch eine Stadt in der Steppe. Samarkand, Ulan Bator, Alma Ata — darauf ist der »Weltempfänger« (ein Radio mit enormer Reichweite) des Erzählers fokussiert.
Fast durchwegs wird in der zweiten Person erzählt. In zumeist kurzen, manchmal sehr kurzen Sätzen, Wortgruppen. Oft steht ein Punkt an Stelle eines Fragezeichens, denn der Autor stellt häufig, eigentlich immer in Frage, gerade auch dann, wenn er exakt präzise oder naturwissen-schaftlich-medizinisch formuliert.
Alles wirkt vage: Wagemutig, mit dem Bedürfnis, das Lot in die Mitte zu lenken, in die Waa-ge, zugleich aber auch alles auf die Waagschale legend auf einer Vagina Schneide.
So führt Renoldner uns — oft poetisch (stärker noch als in »Eisheilige« oder »Rabenangst«) —, eine stehende Redewendung aufgreifend und thematisierend, unter die Haut.
Nicht die Handlung, hier: ein sich findendes Paar, da: Natur-Momentaufnahmen oder ein bio-logischer Exkurs ins Körperinnere, faszinieren, sondern die Komposition, das Verknüpfen von Materie, Körper und Geist. Der Stoff, aus dem diese Fiktion gewebt ist, wird kraft seines Erzählt-werdens spürbar. Der Erzähler, wie sehr er sich auch als nüchterner Beobachter und gelegentlich sarkastisch Reflektierender tarnen will, flüstert als DU dem Leser sein Liebeswerben ins Ohr.
»In diesem Augenblick habe ich gewusst, dass ich dir vertrauen kann. Kleine Jungen sind einfach süß« — sagt Corina. Und er über sich: »Du flüsterst das Wort mit dem langen I. Nachher fühlst du dich wie ein kleiner Junge, der etwas Verbotenes getan hat.«
Auch wenn gilt — Renoldner hasst zu Papier gebrachte Sentimentalitäten, ist aber, wie nie-mand, in Liebensdingen davon frei —: »Ein Wort hat die Wirkung einer Fata Morgana. Es zeichnet Trugbilder in die Köpfe der Hörenden«
Till Mairhofer
für OÖ Rundschau


Was für ein sinnlich gruseliger Titel! – Unter die Haut geht bekanntlich alles, was man an Schrecken und Gefühlsexplosion als Inhaber eines Körpers noch nicht richtig einem Sinnes-organ zuordnen kann, und unter die Haut wird im medizinischen oder Junkie-Bereich alles gespritzt, was nicht in die Venen gehört. Andreas Renoldner bringt für seine verspielt kühle Liebesgeschichte einen Erzähler in Stellung, der immer wieder ins lyrische Du hinüberwech-selt, aber dann doch recht ernüchtert unter seine eigene Haut schlüpft, in der er manchmal gar nicht stecken will.
Alle Liebesgeschichten sind nach einem ewigen Grundmuster gestrickt: Entflammung, Er-nüchterung, Durchhalten, Abschwellung. In Andreas Renoldners Roman sind die Kapitel mi-nutiös aufgeführt, man denkt unwillkürlich an die Genauigkeit einer Katastrophenuhr, wenn es etwa zu Beginn heißt: 16. Februar, 23:58:56. Diese Genauigkeit der Zeitangabe wider-spricht dem weiten Gefühl der Liebe, die sich flächendeckend zeitlos nieder gelassen hat. Die Liebe wird umhüllt von einer gemeinsamen Haut, die freilich immer wieder aufreißt: Zum Vorschein kommt das größte Sinnesorgan des Menschen, die Haut, die sich erotisch betreuen lässt und dabei ganze Drehbücher an Sinnlichkeit verschlingt. Nachdem die Liebe hochgefahren ist, rückt der Alltag an, die Haut kann bedrohlich werden, weil sie an allen Ecken und Enden vereinsamt, während nur mehr die nötigsten Handgriffe der Erotik geschehen. Mit der Zeit häufen sich die Krisen, die Frau verlässt das gemeinsame Bett und hängt in ihrem Zimmer das Hotelschild auf: Bitte nicht stören! Jetzt wird es für den Er-zähler Zeit, einen neuen Status zu definieren, die Liebe wird abgeklärt und flüchtet sich in den schönen Satz: Das Schlimmste ist vorbei! In diese ergreifende Love-Story, die wörtlich unter die Haut geht, ist eine Gegenwelt der Steppe eingelagert. Der Erzähler hört immer wieder Stücke aus weiten, wüsten Gegenden, die genauen Zeitangaben sind vielleicht auch ein sendetechnischer Hinweis, dass jetzt das Hör-spiel bald zu Ende sein wird, denn bei Hörspielen geht es immer um Sekunden. Wenn die Zweierbeziehung die innigste Gemeinschaft ist, die sich für Momente denken lässt, so ist eine Steppengemeinschaft die weiteste und pragmatischste. In der Einöde eine Stadt zu bauen und an die Zukunft zu denken, braucht klaren Willen und heftige Lebenslust. Eine Wüstengemein-schaft ist vielleicht die sinnlichste Form des Zusammenlebens und nicht umsonst tragen alle weit ausholenden Gedanken die Luft der unendlichen Steppe in sich. Der Erzähler hört sich fast täglich diese Steppenhörspiele an und kommt resignierend zum Schluss: „Die Geschich-ten aus den Steppenländern haben mit deinem Leben nichts zu tun.“ (91) Unter die Haut ist ein märchenhaft realistischer Roman über die Liebe im Alltag, über jene fernen Träume, die aus entlegenen Sendern nachts an unser Ohr dringen, und über die Un-möglichkeit, aus der eigenen Haut zu schlüpfen und bei jemand anderem unterzukriechen. Gefühle können zwar unter die Haut gehen, aber wir können als Ganzes unter keiner Haut Unterschlupf finden. – Ein merkwürdig naher Steppen-Roman!

Helmuth Schönauer
08/10/07

 
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