"Fühlte mich wie im Käfig"Der Historiker Wilhelm Baum entdeckte in Berlin das legendäre Tagebuch des NS-Widerstandskämpfers Thomas Olip. Veröffentlichung folgt.
Machten vor ihrer Partisanentätigkeit Karriere als "Sekstet Javornik": Johann Schupanz (links außen), Thomas Olip (daneben) und Jakob Orasche (re. außen) Foto (c) KK Um das Tagebuch des NS-Widerstandskämpfers Thomas Olip ranken sich Gerüchte und Legenden. Nur in einem waren sich die Zeithistoriker bisher einig: dass Olips Aufzeichnungen ihm selbst und zwölf seiner Mitstreiter das Leben kostete. Bei einer Razzia der Gestapo wurde das 31-seitige Tagebuch, das verklausuliert auch zahlreiche Namen enthielt, in einem Bunker bei Zell Pfarre entdeckt und zur Grundlage eines Gerichtsprozesses gemacht. "Blutrichter" Roland Freisler reiste persönlich nach Klagenfurt, um die Angeklagten am hiesigen Landesgericht zum Tode zu verurteilen. Die Enthauptung der Unglücklichen erfolgte bald darauf am 29. April 1943 in Wien. Derserteure "Fast alle Verurteilten waren desertierte Wehrmachtssoldaten, die sich ab dem Frühjahr 1941 in den Südkärntner Wäldern versteckten", erzählt Wilhelm Baum, der das wertvolle Dokument im deutschen Bundesarchiv in Berlin "ausgegraben" hatte. Bei dem längst überfälligen Fund handelt es sich um die deutsche Abschrift des verschollenen Originals, in dem der Kärntner Slowene Thomas Olip vom 1. Juni 1942 bis zum Tag seiner Festnahme (1.12.) sein Leben im Untergrund dokumentierte. "Ich fühlte mich wie ein im Käfig eingesperrter Vogel, der sich nicht zu rühren vermag", schreibt er etwa einmal über seine Bunkerexistenz, die im Alter von 25 Jahren jäh enden sollte. Karriere bei Radio Ljubljana Zuvor war das uneheliche Arbeiterkind als Holzfäller tätig und ab 1937 Freiwilliger im österreichischen Bundesheer. Nach dem "Anschluss" wurde Olip ins Gebirgsjägerregiment 139 nach Klagenfurt eingezogen. 1939 desertierte er nach Jugoslawien. Bevor er als Widerstandskämpfer heimkehrte, gelang dem ausgezeichneten Sänger gemeinsam mit anderen Deserteuren, darunter der spätere Partisanenführer Johann Schupanz (upanc) und "Bunkerkollege" Jakob Orasche (Orae), eine Karriere bei Radio Ljubljana: als "Sekstet Javornik". Laut Wilhelm Baum soll die Veröffentlichung des schicksalsträchtigen Tagebuchs, das zu mehr als 200 Verhaftungen und 13 Todesurteilen führte, noch diesen Herbst erfolgen. "Das Buch wird Einblick geben in das Leben der Widerstandskämpfer, deren Leistungen für die Freiheit Österreichs bis heute kaum gewürdigt wurden", so der Historiker. ERWIN HIRTENFELDER Kleine Zeitung, 24.08.2010
Namensuche in einem Massengrab Einst von Bulldozern begraben und fast vergessen, haben viele NS-Opfer in Kärnten wieder ein Gesicht erhalten: im "Buch der Namen".  2003 errichtet, ein Jahr später geschändet: das "Mahnmal der 1000 Namen" in Annabichl. Foto © KLZ/Pflegerl Viel mehr Namen wären zu nennen, als heute tatsächlich genannt werden können; Namen, die wir heute noch nicht kennen und die wir vielleicht nie mehr in Erfahrung bringen werden", schickt Peter Gstettner dem soeben erschienenen Buch über die "Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten" voraus. Trotz seines provisorischen Charakters ist das 850-Seiten-Werk eine Art Meilenstein. "Noch nie zuvor hat man versucht, die NS-Opfer eines österreichischen Bundeslandes in einem einzigen Buch zusammenzufassen", sagt Ko-Herausgeber Wilhelm Baum, in dessen kitab-Verlag "Das Buch der Namen" erschienen ist. Rund 1800 Personen konnte die kleine Forschertruppe rund um Baum in den vergangenen Monaten ausfindig machen: in Archiven diverser KZs oder mithilfe bereits bestehender Opferlisten über die zwischen 1938 und 1945 umgebrachten Kärntner Juden, Roma und Sinti, Sozialisten, Kommunisten, Slowenen, Konservativen oder Zeugen Jehovas. Als "Volksschädlinge" und "Volksfeinde" fanden sie in KZs, in den großen Kriegsgefangenenlagern von Spittal und Wolfsberg oder in Euthanasieanstalten einen gewaltsamen Tod. 9000 Opfer in Kärnten Insgesamt rechnet Baum mit "rund 9000 NS-Opfern in Kärnten", von denen rund 6000 russische und ukrainische Zwangsarbeiter gewesen seien. "Viele von ihnen wurden so schlecht behandelt, dass sie nur wenige Tage nach ihrer Gefangennahme verreckt sind", berichtet Baum über diese größte Opfergruppe, von denen nur 30, 40 Personen namentlich bekannt sind. Baum: "Sie wurden mit Bulldozern begraben, praktisch alle Unterlagen über sie sind verschwunden". 300 Biographien Von immerhin 300 NS-Opfern konnte das Forscherteam mehr oder minder detaillierte Lebensläufe eruieren: Etwa von der Klagenfurter Kaufmannstochter Eva Linker, die 1939 mit ihren jüdischen Eltern nach Palästina zu fliehen versuchte und fünfjährig im KZ Sajmite bei Belgrad starb. Oder vom Villacher Spanien-Kämpfer Josef Pleschberger, der 23-jährig als politischer Häftling in Dachau starb. Oder von der mit 61 Jahren verhafteten Finkensteinerin Alojzija Pöck, über die ihr Enkel Matthias Wutti berichtet: "Kurz vor Weihnachten 1943 kamen als Partisanen verkleidete Nazis auf den Mikulhof und baten um eine warme Mahlzeit, Lebensmittel und Kleidung. Und schon am Tag nachdem sie die Sachen von der hilfsbereiten Mikulfamilie erhalten hatten, kam die SS und führte die ganze Familie ab, unter ihnen auch die bereits in St. Stefan verheiratete Tochter Serafine, die an diesem Tag nur zufällig am Mikulhof war. Alle Familienmitglieder wurden auf verschiedene Konzentrationslager aufgeteilt. Alojzija kam nach Ravensbrück und von dort weiter nach Lublin, wo sie nach kurzem Aufenthalt am 5. März 1944 ermordet wurde". Am Beispiel des "Temporären Mahnmals der 1000 Namen", das 2003 auf dem Friedhof von Annabichl eingeweiht und ein Jahr später geschändet wurde (siehe Bild), erinnert Vinzenz Jobst insbesondere an die Vernichtung behinderter Menschen: "Von den am Mahnmal angeführten 1000 NS-Opfern sind 357 Angehörige des weiblichen Geschlechts, ein erheblicher Teil von ihnen wurde aus ,eugenischen Gründen' verfolgt. 39 Namen betreffen ermordete Kinder bis zum Alter von 12 Jahren. Die jüngsten am Mahnmal genannten NS-Opfer sind Neugeborene, die bereits einige Wochen nach ihrer Geburt aus ,rassenhygienischen Gründen' vernichtet wurden, weil sie etwa mit einer genetisch verursachten Fehlbildung von Oberlippe und Gaumen zur Welt gekommen sind". Literarische Aufarbeitung Im Gegensatz zur offiziellen Geschichtsforschung, die erst spät damit begonnen hat, die NS-Opfer dem Vergessen zu entreißen, haben Schriftsteller schon früh Erinnerungsarbeit geleistet. Im "Buch der Namen", das auch die Gebiete Oberkrain und das Adriatische Küstenland einschließt, begegnet man daher auch literarischen Aufarbeitungen des Themas, etwa vom gebürtigen Mießtaler Preihov Voranc, der eine Schilderung seiner Erlebnisse in deutschen Konzentrationslagern hinterließ. Oder von Florjan Lipu, der die Verhaftung seiner Mutter oder das Massaker an der Familie Perman in etlichen Büchern ("Die Verweigerung der Wehmut", "Die Stiefel") reflektiert. Neben Andrej Kokot ("Das Kind, das ich war") oder Josef Winkler ("Die Verschleppung") wird auch ausführlich auf Peter Handkes Partisanenstück "Immer noch Sturm" eingegangen, worin der Dichter unter anderem das Schicksal seines Onkels Gregor verarbeitet, der sich im Zweiten Weltkrieg den Partisanen anschloss und seither verschollen ist. Die unspektakuläre Tatsache, dass das Buch am 17. Juni im Landesarchiv präsentiert wird, lässt darauf hoffen, dass historische Totenehrungen dieser Art künftig auch vom offiziellen Kärnten - das Land steuerte 1000 Euro bei - dankbar unterstützt werden. ERWIN HIRTENFELDER Kleine Zeitung - 11.6.2010
Fischer: "Zeitpunkt für Lösung ist überreif""Müssen Versprechen im Staatsvertrag halten": Bundespräsident Fischer besuchte zweisprachige Gemeinde Zell Pfarre in Kärnten und forderte eine Lösung für das Ortstafelproblem.
Foto © Weichselbraun Die Zeit ist überreif, um in einer vernünftigen, einander respektierenden und vertragstreuen Weise eine Lösung zu finden, um sagen zu können, der Staatsvertrag ist durchgesetzt." Mit dieser spontan und ohne Manuskript vorgetragenen Forderung nahm Bundespräsident Heinz Fischer in der zweisprachigen Volksschule von Zell-Pfarre/Sele-Fara Stellung zur Ortstafelfrage. "Wir haben schon als Kinder gelernt: Was man versprochen hat, muss man halten", bezog sich Fischer auf den Artikel 7 des Staatsvertrages, der schon "vor Generationen" die Rechte der Volksgruppen festgelegt habe, weshalb man nicht mehr von "Blitzartigkeit" bei der Umsetzung sprechen könne. "Ich möchte mich in meiner zweiten Amtsperiode im Rahmen meiner Möglichkeiten um dieses Thema bemühen", betonte Fischer, der der Gemeinde mit dem besten Kärntner Ergebnis bei der Bundespräsidentenwahl (89,8 Prozent) einen Besuch abstattete. "Dort, wo Zweisprachigkeit und slowenische Volkskultur lebendig sind, hat er unheimliche Akzeptanz erfahren", lobte SPÖ-Bürgermeister Engelbert Wassner den Präsidenten, der für "Dober dan, dragi selani" begeisterten Applaus erhielt. "Das Buch der Namen" Fischer sprach sich auch für die Rehabilitation von Widerstandskämpfern aus, als ihm "Das Buch der Namen - die Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten" als Vorabxemplar von den Historikern Vinzenz Jobst und Wilhelm Baum überreicht wurde. Darin werden 13 Zeller Bürger und Bürgerinnen erwähnt, die 1943 zum Tode verurteilt und "für immer ehrlos" erklärt wurden. Früher habe man diese Menschen als Verräter stigmatisiert, heute wisse man, dass sie "die eigentlichen Helden waren, die nicht mit den Nazi-Wölfen mitgeheult, sondern mit Mut Widerstand geleistet haben", präzisierte Fischer. Den Vorstoß Fischers in der Ortstafelfrage begrüßte SPÖ-Vorsitzender Peter Kaiser. Das heurige Jubiläumsjahr der Volksabstimmung biete eine einmalige Gelegenheit, das Thema zu lösen. Unter Zeitdruck und vor 2012 werde eine Lösung nicht möglich sein, bremste hingegen Landeshauptmann Gerhard Dörfler.
Foto © Weichselbraun  Foto © Weichselbraun ELKE FERTSCHEY Kleine Zeitung 26.5.2010
 Kleine Zeitung, 26.5.2010
Kleine Zeitung, 28.4.2009
An die Freunde des Kitab-Verlages, Sehr geehrte "Sympathisanten" - wenn man so sagen darf. Die Europäische Union hat heute 66 Projekte mit 266 Büchern unter "Literarische Übersetzungen" aus ganz Europa zur Förderung ausgewählt. Wir dürfen Ihnen mitteilen, daß der Kitab-Verlag der einzige Verlag aus Österreich war, der vertreten ist; Sie können sich davon überzeugen: ( http://eacea.ec.europa.eu/culture/calls2007/results/call_25_2007/documents/results_1_2_2_phase_2.pdf ). Boris Pahors Buch "Trg Oberdan" wurde mit einer Übersetzungs-Förderung versehen; Reginald Vospernik ist dabei, das Werk ins Deutsche zu übersetzen. Anhand der Geschichte des Oberdan-Platzes erzählt der 95jährige Autor und ehemalige KZ-Häftling von den Leiden der slowenischen Minderheit in Italien in der Zeit des Faschismus. Unser Freund und Autor Helmut Schönauer aus Innsbruck schreibt in jedem Mail: "Haltet durch!" Das werden wir tun und auch im Frühjahr 2009 wiederum ein Projekt bei der EU einreichen. Mit Gruß und Dank und der Bitte um weitere Unterstützung Ihr Wilhelm Baum
Wo bleibt der Zufall ohne Spieler? Der Autor, Verleger und Übersetzer Alfred Goubran wollte eine richtige kleine Geschichte schreiben. Dieses Tor hat er geschossen. Jedem, für den Fußball ein Weg ist, erscheint dieser Weg zuerst, wenn er ihn für sich entdeckt, als Ausweg. Offenbar auch dem Ich-Erzähler von Tor, der zu dieser Einsicht gegen Ende des schmalen, liebevoll altmodisch aufgemachten Bändchens kommt. Ein Ausweg woraus? Davon kann der Leser sich im ersten Teil ein Bild machen. Es ist eine Erinnerung, die mittendrin beginnt: „Aber es gab das Nachbarhaus hinter den Thujahecken, eine richtige Villa, zwei Stockwerke hoch, (…)“ Am Anfang also ein Gegensatz, eine Abgrenzung, aus der die erzählende Person, ein Kind damals offenbar noch, erst nach einigen Seiten sich herausschält. Und dass er von der Topografie der Häuser und Wohnungen der frühen Jahre jemandem erzählt, nämlich „dir“, wird wiederum erst einige Absätze später klar. Von der Einsamkeit zwischen diesen Häusern, ihren fremd bleibenden Bewohnern – ob es die eigenen Eltern sind, die vermeintlich böse Nachbarin oder der Schuster vor der Villa – erzählt Alfred Goubran und davon, dass sich sein „Kinderreichtum“ von der Einsamkeit nicht ablösen lässt: „Schon das Erzählen davon macht mir diesen Mangel spürbar. Ich kann Dir meine Erinnerungen mitteilen, aber ich kann sie nicht mit Dir teilen.“ So gerät die Erzählung zunächst zu einem spröden Versuch, dennoch mitzuteilen, begreiflich zu machen, was ein Kind im Nachkriegsmilieu in die Sprachlosigkeit treibt. Das Schweigen über den nicht verschuldeten Tod der kleinen Schwester lastet dumpfer und schwerer auf dem Buch als jede brachiale Auseinandersetzung. Bis endlich der Fußball ins Rollen kommt, genauer: ein Ball und „ein paar (sic) Turnschuhe“, die er geschenkt bekommt. Damit nimmt der Zufall seinen Lauf, der zeitweise der Erzählung vorangestellt ist: „Wo bliebe der Zufall, wenn kein Spieler da wäre?“ (F.G. Jünger). Der Spieler ist da. Er trainiert nun wie besessen an der Mauer des Hauses, die nicht mehr kalte Schulter ist, sondern Partner. Plötzlich kommt Tempo in den Lauf der Dinge, quasi in der letzten Viertelstunde des Buches. Rausch und Euphorie befallen den übenden Knaben, er wird in eine Mannschaft aufgenommen, feiert Erfolge als Tormann. Denn „mein Ziel ist der Ball. Mein Ziel ist es, den Ball zu fangen, ihn zu halten.“ Alfred Goubran hat zwar mit seiner Erzählung, wie er sagt, kein Buch zur EURO 08 geschrieben. Es ist ihm aber trotzdem so geraten, wenn auch in einem distanzierenden Sinn: Je mehr Fans dir zujubeln, „desto weniger meinen sie dich“. Darauf kommt es auch nicht an. Vielleicht eher darauf: dass die Kindheitserinnerungen eine Welt voller Gegenwart geblieben sind. Erst was danach kommt, sieht Goubran als Biografie des Vergangenen. Dazwischen ist ein Punkt, an dem der Trainer sagen kann: „Sie können sich auf mich verlassen.“ Das Tor wird bewacht. Michael Freund, Der Standard, Album 23.2.2008
9. Februar 2008, Neue Zürcher Zeitung Mit leerem Kopf nickt es sich leichter Die slowenische Literatur hat sich den Weg nach Europa bereits unter dem Tito-Regime erkämpft Die slowenische Literatur wurzelt tief in der Tradition des Christentums und der Aufklärung. Das brachte sie schon früh in Konflikt mit dem Dogmatismus und der Repression des Tito-Staates. Dissidente Schriftsteller der frühen Nachkriegszeit wie Edvard Kocbek, Lojze Kovačič, Žarko Petan, Aloyz Rebula und Boris Pahor harren der Entdeckung. Die slowenische Literatur des 20. Jahrhunderts vermittelt – soweit sie in westliche Sprachen übersetzt ist – ein Bild der Geschichte dieses Volkes. Das Werk von Boris Pahor wurde schon bald nach dem 2. Weltkrieg ins Französische übersetzt; „Nekropolis“ und „Kampf mit dem Frühling“ auch ins Deutsche; hier ging es um die Leiden des Autors in den KZs Hitler-Deutschlands. In den jüngst veröffentlichten Übersetzungen des Erzählungsbandes „Blumen für einen Aussätzigen“ und „Die Stadt in der Bucht“ kommt jedoch auch das Leiden der Slowenen unter der faschistischen Herrschaft in Triest und dem Isonzotal nach dem 1. Weltkrieg sowie im von den Alliierten besetzten Triest bis 1955 zum Ausdruck. Die Lebensbedingungen der Slowenen unter italienischer Herrschaft im Küstenland werden in dem preisgekrönten Roman „Nokturno für das Küstenland“ des Triestiner Slowenen Aloyz Rebula (geb. 1924) thematisiert. Hier wird hier die Verfolgung des slowenischen Klerus aus anderer Perspektive dargestellt als bei Pahor; er verweist auch auf die Verfolgungen durch die Partisanen nach der „Befreiung“ und auf die Ermordung von mehr als hundert Priestern durch die Kommunisten hin. Es war der linkskatholische Schriftsteller Edvard Kocbek (1904-1981), der, selbst Mitglied der slowenischen antifaschistischen Befreiungsfront „Osvobodilna Fronta“ 1951 in seiner Novellensammlung „Furcht und Mut“ erstmals auf die Greuel der kommunistischen Partisanen im Jahr 1945 und die Ermordung Tausender entwaffneter Domobranzen (Mitgliedert der slowenischen Heimwehr) hinswies. In der Folge wurde er als Kulturminister Jugoslawiens entlassen und einem Publikationsverbot unterstellt. Über seinen katholisch-gläubigen Mitstreiter Kocbek hatte Tito die Christen zuvor in der Koalition der Volksbefreiungsbewegung zu halten versucht. Nach der Verurteilung Kocbeks 1952 sagte der slowenische Parteichef Edvard Kardelj über Kocbek: „Wer ist eigentlich Kocbek? Kocbek ist für uns in Wirklichkeit eine Null. Aus Kocbek haben wir während des Krieges zwar etwas zu machen versucht, weil wir das brauchten, aber wir hätten ihn nach dem Krieg ebenso gut begraben können, so dass sozusagen niemand von ihm gewusst hätte, wenn wir auf dieselbe Weise hätten vorgehen wollen ... Mir scheint, dass man Kocbek vor dem slowenischen Volk vor allem lächerlich machen muss, denn im Grunde ist er eine lächerliche Figur.“ Kocbek verlor jeden Einfluss im System der Befreiungsfront. 1974 nahm Kocbek in einem Interview mit Boris Pahor in Triest wiederum zu den tabuisierten Massenmorden Stellung. Nur die Intervention Heinrich Bölls rettete ihn vor der Verhaftung. Kocbeks Kontakte zu den Slowenen in Triest und Klagenfurt sowie zu dem slowenischen Verleger Rudolf Trofenik in München machen sichtbar, wie wichtig die Slowenen außerhalb Jugoslawiens für Publikation von Texten waren, die im eigenen Land an der Zensur scheiterten. Auch andere slowenische Werke illustrieren die Ereignisse des 2. Weltkrieges und der kommunistischen Ära bis zur Unabhängigkeit 1991. Einer der ersten systemkritischen Dichter Jugoslawiens, dessen Bücher schon vor dem Tod Titos in Österreich erschienen, war der 1929 geborene Satiriker Žarko Petan, dessen Aphorismen in über 30 Sprachen übersetzt wurden und dem zum 75. Geburtstag eine Ausstellung in der Slowenischen Nationalbibliothek gewidmet wurde, die die weltweite Rezeption des Werkes dokumentierte. Petans Vater war ein Kaffeehausbesitzer in Maribor, wurde zuerst von den Deutschen und nach der Rückgabe des Hauses 1945 von den Kommunisten enteignet.. Immer wieder kommt Petan darauf zu sprechen, wie er 1959 grundlos verhaftet und mit vom Staatssicherheitsdienst Udba bestochenen Zeugen der Spionage beschuldigt wurde. Zu seinem Glück fiel im Berufungsverfahren einer der Zeugen um, was zum Freispruch führte. Wer Petan kennt, kann sich vorstellen, dass einige Anklagepunkte nicht erfunden waren, wie z.B., er habe gesagt, dass die Kommunisten ihren Anteil in der Befreiungsfront überproportional dargestellt und den Anteil Kocbeks verkleinert hätten, dass die Slowenen überproportional viel Steuern an den Staat bezahlten und dass Tito in der Marschalluniform einem Truthahn gleiche. In der Prosa-Farce „Der lustige Diktator“ persiflierte Petan Titos Eitelkeit, die Umschreibung seiner Biographie, seine Prasserei und seine sexuellen Ausschweifungen und auch die Mythisierung seines Todes persifliert. Žarko Petans Aphorismen „Mit leerem Kopf nickt es sich leichter“ und „Viele Herren von heute waren gestern noch Genossen“ trafen das Lebensgefühl in der Umbruchzeit nach Titos Abgang. Aphorismen bilden eine scharfe Waffe im Kampf gegen die Diktatur, besonders in deren Endphase, wenn die Parteikader bemüht sind, ihre angestammten Positionen in der Gesellschaft zu behaupten. Petan wurde nach 1991Theaterdirektor und Fernsehchef. Er nutzte seine Auslandskontakte zu Inszenierungen in Deutschland und Österreich für Auftritte, in denen er die slowenische Literatur bekannt machte. Die Aufarbeitung des Kommunismus wurde in Gang gesetzt. Im Teilen Ex-Jugoslawiens kam es zu zahlreichen Gerichtsurteilen, welche die Schauprozessurteile der Tito-Ära annullierten. Auch kam es zu einer grundsätzlichen Neubewertung der „Domobranzen“ und der Tschetniks (der serbischen königstreue Partisanen), deren Überlebende daraufhin staatliche Renten erhielten wie die ehemaligen kommunistischen Partisanen, von denen ein beträchtlicher Teil in Wahrheit nie im Partisanenkampf aktiv gewesen war. Petan analysierte die Lügen der Diktatur und ihrer Epigonen. „Der jugoslawische Sozialismus war eine Art auf den Kopf gestellter Turm zu Babel, wo sich alle Völker scheinbar gut miteinander verstanden, weil sie in verschiedenen Sprachen schwiegen. Tito hatte ihnen den Mund gestopft. … Jugoslawien war im wahrsten Sinne des Wortes Titos Lehen. Er tat, was ihm in den Sinn kam, ohne jemandem darüber Rechenschaft abzulegen. Wir hatten sechs Parlamente in sechs Teilrepubliken, zwei Parlamente in den autonomen Gebieten Vojvodina und Kosovo, und genauso viele Regierungen, und Minister hatten wir für eine eine ganze Division. Und all diese Leute entschieden über gar nichts, sie warteten nur auf einen Wink von Tito, und in der Zwischenzeit scheffelten sie Geld und stopften sich damit ihre eigenen Taschen voll.“ Einen grandiosen Schlusspunkt in der Übersetzung der slowenischen Literatur stellt das dreibändige Werk „Die Zugereisten“ von Lojze Kovačič dar. In mehr als 1200 Seiten wird hier am Stoff des eigenen Lebens ein Panorama der schicksalsträchtigen Epoche von 1938 bis 1948 entrollt, das nicht nur lesbarer sondern auch glaubwürdiger ist als die Darstellungen von Parteihistorikern, die zum Großteil noch heute in den Institutionen des Staates ihre Position behaupten. Kovačič schrieb sein Leben lang am Buch seiner Biographie. Der erste Teil der autobiografischen Trilogie, die erstmals 1984/85 in Slowenien erschien, firmiert unter dem Titel „Basel“ (bis 1938), den zweiten Teil (von 1938 bis 1948) bilden „Die Zugereisten“, der dritte Teil folgt in „Wirklichkeit – Botschaft im Schlaf“. Ein Teil der Lebensgeschichte wurde 1957 unter dem Titel („Der goldene Leutnant“) wurde 1957 in der Zeitschrift „Beseda“ („Das Wort“), Kovačič beschreibt in dem später vernichteten Roman seine Erlebnisse in einem jugoslawischen Strafbataillon nach 1948. Die kommunistische Obrigkeit strafte den Autor ab und verbot die Zeitschrift 1962 schließt Kovačič das Studium der Slawistik und Germanistik an der Pädagogischen Akademie und nimm t eine Lehrtätigkeit auf. Bereits 1963 wird er jedoch aufgrund eines satirischen Artikels entlassen. In „Die kristallene Zeit“ , dem vierten Teil seiner Autobiografie, behandelt Kovačič die fünfziger Jahre mit dem Tod seiner ersten Frau – dieses Werk soll als nächstes in deutscher Übersetzung erscheinen. In die „Zugereisten“ geschieht Dramatisches. 1938 muss die Kovačičs Familie – der Vater ist Slowene, die Mutter Deutsche - Basel zwangsweise verlassen und kommt bei Verwandten im slowenischen Unterkrain unter, wo der kleine Lojze die Grausamkeit der verwandten Bauern und Dörfler kennenlernt. Im Sommer 1942, als die Wehrmacht Stalingrad und den Kaukasus erreicht, beschließt die Familie endgültig die Übersiedlung nach Deutschland, „jetzt, wo ich mich kaum an das Leben in Slowenien gewöhnt hatte“. Die Habseligkeiten werden zum Bahnhof geschafft. Die Ausreisungswilligen werden nach Geschlechtern getrennt und müssen sich ausziehen und sich medizinischer Prüfung stellen. Ob der entwürdigenden Behandlung und angesichts der Tuberkulose-Diagnose beim Vater wird der Plan, „heim ins Reich“ zu gehen, aber aufgegeben. Kovačič war ein unabhängiger Kopf, der wie Petan der Gleichschaltung durch die wechselnden Regime nichts abgewinnen konnte und sich sein eigenes Urteil bildete. So verfolgt er den mit Lautsprechern auf die slowenische Straße übertragenen Schauprozess gegen Leon Rupnik, den antisemitischen Anführer der mit den Nazis kollaborierenden Slowenischen Heimwehr, mit Abscheu. Rupnik bekennt sich schuldig und wird am 4.9.1946 hingerichtet wird. Kovačič wundert sich über dessen schwache Figur im Schauprozess, die – möglicherweise unter Folter erpressten – Selbstbezichtigungen. „Es schnitt mir ins Eingeweide! Wie konnte er so etwas sagen? Es hatte viele edle und ritterliche Kämpfer gegeben.“ Auch Žarko Petan recherchierte in seiner Schrift „Über die Revolution und den Tod“ über den internationale Normen missachtenden Schauprozess und zitiert den Richter und späteren Bürgermeister von Ljubljana, Helij Modie. Dieser sagte später, er schäme sich, weil man Rupnik nicht zur Todesstrafe hätte verurteilen dürfen. Kovačič bewahrt sich in schwerer Zeit einen klaren Blick und versucht zu überleben. „Meine erste Aufgabe war von nun an zu überleben. Jeden Tag aufs Neue“. Er beschreibt, wie er mehr als ein Jahr ohne Unterkunft lebte, am Wochenende in einem Internat, aus dem er geworfen wurde, insgeheim übernachtet. Im Zentrum stehen immer wieder seine sexuellen Erfahrungen, sie sind ihm wichtiger als Politik. Ironisch beschreibt Kovačič sodann die Versuche des neu etablierten Tito-Regimes, der Gesellschaft das System des „Dialektischen Materialismus“ überzustülpen und eine neue Lebensform zu entwickeln. Kovačič zeigt sich wie Kocbek, Pahor, Rebula oder Petan als Vertreter der autonomen slowenischen Literatur, die stark im bürgerlichen Selbstbewusstsein Ostmitteleuropas wurzelt und nicht im südslawischen oder marxistischen Denken. Die slowenische Literatur gründet sich in der Tradition der Aufklärung und der Ich-Autonomie. Nationalistische Strömungen sind allenfalls bei Pahor zu erkennen. Bei Rebula kommt der christliche Humanismus zum Tragen, der sich aus der Verbindung von antikem Denken mit römischer Tradition speist - er war Altphilologe von Beruf. Alle diese Autoren sind Teil Mitteleuropas; sie wuchsen im Faschismus und Kommunismus auf, aber das bürgerliche, liberale und christliche Erbe war stärker. Es ist kein Zufall, daqß Slowenien als erster der Nachfolgestaaten Jugoslawiens den Weg nach Europa gefunden hat. Nach 1991 kehrten viele Slowenen aus dem Exil in ihre Heimat zurück. Der Exodus von 1945 wurde teilweise rückgängig gemacht, ungerechte Gerichtsurteile gegen Anti-Kommunisten wurden aufgehoben. Die jüngeren slowenischen Autoren, die den Kommunismus nur in der Frühphase ihres Lebens erlebten, hatten es leichter. Drago Jančar steht stellvertretend für die, die rasch den Weg zu den Übersetzungen und Verlagen Mitteleuropas gefunden haben. Jančar hat sich in seinen Essays eingehend und scharfsinnig mit der Problematik der kommunistischen Zwangsherrschaft und des Zerfalls von Jugoslawien auseinandergesetzt. In seiner kritischen Distanz gegenüber intellektuellen Moden und in seinem Bemühen um die Aufklärung nationaler Tabus setzt er moralische Standards, die kürzlich mit dem Jean-Améry-Preis gewürdigt wurden. Es wäre zu wünschen, dass bald auch jenen Autoren verstärkte internationale Aufmerksamkeit zuteil wird, die in den Jahrzehnten vor Jančar in düsterer Zeit das Licht der Wahrheit nicht aus den Augen verloren haben. Wilhelm Baum ist Dozent für Geschichte des Mittelalters an der Universität Klagenfurt. 1999 gründete er den Kitab-Verlag, der sich u. a. auf südosteuropäische Literatur spezialisiert hat.
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