Der Ball als Ziel Eine kleine Erzählung über ein großes Thema: Kindheit.
Eine einfache, klare, ergreifende Geschichte von einem Buben, der durch die Tore seiner Einsamkeit den Weg ins Leben sucht. Neben seinen freudlosen Eltern, „die ihm durch und durch fremd sind“, heranwachsend, erfährt er tiefe Kindheitsschmerzen wie den Tod seiner jüngeren Schwester, erlebt er große Überraschungen wie das Geschenk eines weißen Lederballs. Der einsame Bub beginnt zu spielen, beginnt „den ball gegen die Hauswand zu schießen und ihn wieder zu fangen“. Der Bub braucht weder Spiel noch Tor: “mein Ziel ist der Ball“. Später wird er einem Fußballverein beitreten und eine Sportschule besuchen. Und hoffen, dass sich ihm ein freudvolleres Leben öffnet. Wiener Zeitung, 8.3.2008
Wo bleibt der Zufall ohne Spieler? Der Autor, Verleger und Übersetzer Alfred Goubran wollte eine richtige kleine Geschichte schreiben. Dieses Tor hat er geschossen. Jedem, für den Fußball ein Weg ist, erscheint dieser Weg zuerst, wenn er ihn für sich entdeckt, als Ausweg. Offenbar auch dem Ich-Erzähler von Tor, der zu dieser Einsicht gegen Ende des schmalen, liebevoll altmodisch aufgemachten Bändchens kommt. Ein Ausweg woraus? Davon kann der Leser sich im ersten Teil ein Bild machen. Es ist eine Erinnerung, die mittendrin beginnt: „Aber es gab das Nachbarhaus hinter den Thujahecken, eine richtige Villa, zwei Stockwerke hoch, (…)“ Am Anfang also ein Gegensatz, eine Abgrenzung, aus der die erzählende Person, ein Kind damals offenbar noch, erst nach einigen Seiten sich herausschält. Und dass er von der Topografie der Häuser und Wohnungen der frühen Jahre jemandem erzählt, nämlich „dir“, wird wiederum erst einige Absätze später klar. Von der Einsamkeit zwischen diesen Häusern, ihren fremd bleibenden Bewohnern – ob es die eigenen Eltern sind, die vermeintlich böse Nachbarin oder der Schuster vor der Villa – erzählt Alfred Goubran und davon, dass sich sein „Kinderreichtum“ von der Einsamkeit nicht ablösen lässt: „Schon das Erzählen davon macht mir diesen Mangel spürbar. Ich kann Dir meine Erinnerungen mitteilen, aber ich kann sie nicht mit Dir teilen.“ So gerät die Erzählung zunächst zu einem spröden Versuch, dennoch mitzuteilen, begreiflich zu machen, was ein Kind im Nachkriegsmilieu in die Sprachlosigkeit treibt. Das Schweigen über den nicht verschuldeten Tod der kleinen Schwester lastet dumpfer und schwerer auf dem Buch als jede brachiale Auseinandersetzung. Bis endlich der Fußball ins Rollen kommt, genauer: ein Ball und „ein paar (sic) Turnschuhe“, die er geschenkt bekommt. Damit nimmt der Zufall seinen Lauf, der zeitweise der Erzählung vorangestellt ist: „Wo bliebe der Zufall, wenn kein Spieler da wäre?“ (F.G. Jünger). Der Spieler ist da. Er trainiert nun wie besessen an der Mauer des Hauses, die nicht mehr kalte Schulter ist, sondern Partner. Plötzlich kommt Tempo in den Lauf der Dinge, quasi in der letzten Viertelstunde des Buches. Rausch und Euphorie befallen den übenden Knaben, er wird in eine Mannschaft aufgenommen, feiert Erfolge als Tormann. Denn „mein Ziel ist der Ball. Mein Ziel ist es, den Ball zu fangen, ihn zu halten.“ Alfred Goubran hat zwar mit seiner Erzählung, wie er sagt, kein Buch zur EURO 08 geschrieben. Es ist ihm aber trotzdem so geraten, wenn auch in einem distanzierenden Sinn: Je mehr Fans dir zujubeln, „desto weniger meinen sie dich“. Darauf kommt es auch nicht an. Vielleicht eher darauf: dass die Kindheitserinnerungen eine Welt voller Gegenwart geblieben sind. Erst was danach kommt, sieht Goubran als Biografie des Vergangenen. Dazwischen ist ein Punkt, an dem der Trainer sagen kann: „Sie können sich auf mich verlassen.“ Das Tor wird bewacht. Michael Freund Der Standard, Album 23.2.2008 Ein Buch zur EM? – Das Thema Fußball liegt dieses Jahr nachgerade in der Luft. Alfred Goubran schildert in seiner Erzählung "Tor" die Anfänge einer Leidenschaft, den Wendepunkt im Leben eines kleinen Jungen. Dabei deutet am Anfang noch absolut nichts in Richtung Fußballplatz. In Richtung Rasen schon eher. Das titelgebende Tor der Erzählung ist zunächst aus Schmiedeeisen. Goubran erzählt von den kleinen Geheimnissen einer scheinbar unspektakulären Kindheit. Von einem geheimnisvollen, weil leer stehenden Nachbarhaus, einer richtigen Villa mit Vorplatz und Terrasse. Und von einer unheimlichen alten Frau, die gerade dadurch unheimlich wirkt, dass sie nichts tut – eine stille Beobachterin, deren vermeintliche Harmlosigkeit sich jederzeits ins Gegenteil verkehren könnte. Er erzählt von einem Schuster, der Buchstabenmärchen für seine Enkelin zeichnet, und von dessen Schusterwerkstatt, einem anachronistischen Ort allmählichen Vergessens und Verstaubens. Kinder sind bekanntlich manchmal ungerecht, sie lieben einen Menschen scheinbar grundlos und hassen einen anderen – ebenso grundlos. Der Schuster ist der gute Onkel, aber im Falle der alten Nachbarin reichen Kopftuch und Schürze, um sie zur Hexe zu stilisieren. Und eine Hexe muss bespitzelt werden. Fördern die Nachforschungen keine brauchbaren Ergebnisse zutage, kann man der alten Frau ja immer noch ein paar Blumen aus dem Garten stehlen. Oder Himbeeren. Oder Gurken. Dabei beobachtet zu werden, bedeutet ein Aufflackern alter Schuldgefühle. Und das wars auch schon. Doch auch der Junge hat ein Geheimnis. Hätte er an einem ganz bestimmten Tag besser auf seine kleine Schwester achtgegeben, hätte er sie nicht aus den Augen verloren, hätte er sich auf seinen Schützling konzentriert statt auf die Umzugskisten und Möbelpacker, dann wäre die Kleine vielleicht noch am Leben. Und er wäre nicht so allein. Und seine Eltern müssten nicht das Gefühl haben, dass man sich auf ihn nicht verlassen kann. Die erwähnte Wende bringt ein Paket. Der Inhalt: ein Fußball und ein Paar gebrauchte Turnschuhe. Und ein Zettel mit einer Buchstabengeschichte: Tor. Der gute Onkel weist dem Jungen einen Weg aus der Einsamkeit. Einen Weg ins Team. Einen Weg, um zu zeigen, dass man sich doch auf ihn verlassen kann. In einfacher, zuweilen poetischer Sprache erzählt Goubrans mittlerweile erwachsen gewordener Erzähler einem unsichtbaren Gegenüber, wie in seine graue Kindheit Farbe kam. Der Fußball wird zum Symbol von Freizeit, Spaß und Spiel, von Sich-bewähren-müssen und Erfolge haben und – das Wichtigste – Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Eine schöne kleine Geschichte von einem, der auszog um das Tor zum Glück zu finden. Und den Schlüssel zum Verstehen findet der kleine Junge viel, viel später in der Erinnerung. Sabine Dengscherz 18. Februar 2008 Literaturhaus Wien, website |