Frauen, Familie und Politik in der palästinensischen Geschichte
Der Zeitpunkt für die Herausgabe dieses umfangreichen Buches ist perfekt gewählt: 2008 jährt sich zum 60. Male die Gründung des Staates Israel, die mit einer massiven Vertreibung und Enteignung der ursprünglichen palästinensischen Bevölkerung einherging. Die Palästinenser bezeichnen die Ereignisse ds Jahres 1948 daher auch als Katastrophe, »Al-Nakba«.
Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten behandelt die Autorin im Wesentlichen die politische Entwicklung seit der Unterzeichnung des so genannten Oslo-Vertrages im September 1993, der bei den Palästinensern wie bei den Israelis große Hoffnung auf eine endgültige und friedliche Lösung dieses blutigen Konfliktes erweckt hat. Im zweiten Teil beschreibt sie die gesellschaftlichen Strukturen der palästinensischen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frauen.
Um es kurz zu fassen: Während der knapp 150 Seiten umfassende erste Teil für einigermaßen informierte LeserInnen kaum Neuigkeiten bringt, ist der zweite, etwas umfangreichere Teil bei weitem interessanter, weil tiefgehender. Hier findet man eine Menge an Informationen und Analysen über die arabisch-palästinensische Gesellschaft, welche sich in einem vielfachen Umbruch befindet. Die israelische Besatzung aber auch die allgemeine internationale Entwicklung zwingt einer nach wie vor stark von traditionellen Denkweisen und Verhaltensmustern geprägten Gesellschaft eine äußerst rasche, teilweise zu rasche und auch gewaltsame, Anpassung auf. Dass damit nicht alle PalästinenserInnen in gleicher Weise fertig werden, ist kaum überraschend. Es gibt aber kaum wissenschaftliche Analysen dieser Entwicklungen.
Laila Nazzal bietet zwar auch keine umfassende wissenschaftliche Analyse, aber eine durchaus faktenreiche und interessante Beschreibung. In diesem Sinne ist vor allem der zweite Teil des Buches zu empfehlen.
Eine kurze Chronologie der Ereignisse der Jahre 2000 bis 2007 sowie ein Glossar mit kurzen Beschreibungen wichtiger Details runden das Buch ab. Dem Verlag ist für diese höchst engagierte Publikation zu danken, wenngleich man sich stellenweise eine bessere, einheitlichere Übersetzung und eine stringentere Lektorierung gewünscht hätte. Durch die Streichung von Wiederholungen hätte man die Lektüre erleichtert und zudem auch den Umfang des Buches doch um einige Seiten gekürzt. Alles in allem aber eine empfehlenswerte Neuerscheinung.
Fritz Edlinger