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Freitag, 18 Mai 2012
 
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Baum Wilhelm (Hrsg.):Paul Feyerabend, Hans Albert: Briefwechsel Band I: 1958-1971, 2008 PDF Drucken E-Mail

The complete review's Review:

In a 1973 letter to Imre Lakatos Paul Feyerabend writes: I am, or rather, I was not aware that all my letters are filed away for HISTORY. Hans Albert does this -- as a matter of fact his cellar is full of letters from you, John, Habermas, Sir Karl, me and others and it was very amusing to read my letters of five, six years ago. I did not recognize myself at all.
Some of the correspondence -- that from the years 1966 to 1971 -- between Albert and Feyerabend is published in this useful, if somewhat limited volume. A fascinating complement to the Feyerabend-Lakatos letters from a roughly similar period (1968-74) published in For and Against Method (see our review), it offers a somewhat different perspective on the tumultuous period at Berkeley, as well as the writing of Feyerabend's classic, Against Method.
Albert, a more staunch Popper follower than Lakatos, and with a professional focus outside of the philosophy of science, makes for a different conversation partner for Feyerabend. Many of these letters are more substantial in their philosophical arguments than in the Lakatos-Feyerabend correspondence. Amusingly, however, many of the same episodes and events are again revisited and echoed, giving a fairly full picture of Feyerabend's life in those times.
Among the more interesting points in the correspondence is the greater tolerance for Hegel Feyerabend expresses, as well as the more German focus (talk about the revolutionary times focussing more on Cohn-Bendit, for example, than in the Lakatos correspondence, where the LSE's own woes are naturally more at the fore). Feyerabend's discussion of the "Stinkbombe" (stink-bomb), as he fondly refers to Against Method here, is also valuable, as he is not so directly concerned with Lakatos' counterarguments when writing to Albert.
There are the usual humorous titbits, including an excellent multi-Popper-caricature (with subscript-Poppers -- 0 through 5 -- as Lakatos would have them). Feyerabend also gives more insight into his intellectual forebears and heroes, always half-serious:
Hegel -- well, nimm das nicht so ernst, mein Held ist Brecht und Johnny Carson.

[Hegel -- well, don't take that so seriously, my hero is Brecht and Johnny Carson.] Feyerabend even manages some cuneiform curses (directed, naturally, against Popper). Useful, interesting documentation, this volume helps illuminate more of Feyerabend's life and thought. Regrettably the volume only covers a very limited period of time, and one that is (regarding Feyerabend) fairly well documented. Hopefully, more will eventually be forthcoming

 

 
Der verhinderte Opernsänger und die rationalistische Spiegelglatze
Rezensiert von WILLY HOCHKEPPEL - 17-09-2008

Dieser jetzt erstmals komplett erscheinende Briefwechsel fällt in die aufgeregten und aufregenden Jahrzehnte von 1958 bis 1971; der darin angeschlagene Ton ist, abseits spröder Gelehrtenmanier, heiter bis ironisch-sarkastisch.
Der 1994 gestorbene Paul Feyerabend konnte schreiben, wie er redete, selbst in seinen gediegenen wissenschaftstheoretischen Arbeiten, und reden tat er pointenreich und mit Wiener Schmelz. Hans Alberts schneller rheinischer Witz kommt im Geschriebenen etwas zu kurz, „mein Schreibstil ist vorläufig noch zu trocken”, doch er weiß die gewagten Luftsprünge seines gegen den szientistischen Stachel löckenden Freundes teils amüsiert glossierend, teils sanft rüffelnd aufzufangen.
Paul Feyerabends unentwegtes Schwanken zwischen künstlerischen Ambitionen – er studierte zunächst Theaterwissenschaft und ließ sich als Opernsänger ausbilden – und seinen naturwissenschaftlichen wie philosophischen Interessen reflektiert sich, seine Briefe manifestieren es, in seiner anarchistisch-dadaistischen Erkenntnistheorie, die wie ein hedonistischer oder dionysischer Windstoß die puritanische Philosophie durchblies. Anfang der fünfziger Jahre als Adlatus Wittgensteins in Cambridge vorgesehen, schloss er sich, als Wittgenstein starb, in London Karl Popper an. Hans Albert fand im Anschluss an ökonomisch-soziologische Arbeiten im Kritischen Rationalismus Poppers sein philosophisches Credo, zu dessen Grundthesen – etwa Erkenntnisgewinn durch permanente methodische Kritik, Verwerfung sogenannter Letztbegründungen – er nach wie vor steht; während sich Feyerabend, inzwischen in Berkeley niedergelassen, „dieser kulturellen Wüste”, von Popper entschieden abnabelte, ihn als reaktionär abkanzelte und bei jeder Gelegenheit veralberte: „In meinem Haus habe ich ein großes Bild von Bela Lugosi als Drakula, und Karl fragte ‚which scientist is this‘”. Ganz andere Größen präferiert er nun. „Mein Held ist der Brecht und Johnny Carson” (ein einstmals populärer TV-Entertainer). Er lobt den „Chairman Mao” und „verschönt” seine Texte mit Cohn-Bendit-Zitaten. „Triviales und langweiliges Zeug. Also: laß es gut sein”, winkt Albert genervt ab. Mitunter diskutieren beide tiefgründig Probleme des Empirismus, zugleich beschäftigt sich Feyerabend mit „Bruder Aristoteles”, kauft sich Lenins Werke, „45 Bände”, und bestellt „die Summa Theologiae des Thomas, Lateinisch und Englisch”. Er liest Novalis und findet es im Übrigen an der Zeit, „die Klassik des Rationalismus durch eine neue Romantik zu überwinden”; nicht nur darin, nebenbei, ein wenn auch überhitzter Vorläufer des unlängst verstorbenen liberalen Pragmatisten Richard Rorty. Zu Alberts Verdruss, der unbeirrt die Fahne kritischer Rationalität hochhält, meint Feyerabend auch noch mit dem Katholizismus anbändeln zu müssen.
Wrestling und Keilschriftübung Er kennt die besten Crime stories, geht häufig ins Theater, hin und wieder zum Wrestling, übt sich in Keilschrift und verfällt manchmal, wie auch Albert, stundenlang dem Fernsehen. Immer häufiger kokettiert er mit Hegel. „Abgesehen von meinen Narreteien”, schreibt er, „hab’ ich es mit dem Hegel auch ernst gemeint.” „Was hier nottut, ist Hegelkritik”, rückt Albert das zurecht. Darauf Feyerabend: „Hegel – well, nimm das nicht so ernst.” Albert, sich selbst einmal als „Mannheimer Positivismus-As mit der Spiegel-Glatze” persiflierend, empfiehlt hingegen Marxens „Kapital”, das ihm, bis auf die Wertlehre, als „Krönung der klassischen Ökonomie” gilt.
Mehrfach erläutert Feyerabend seine zum Slogan gewordene Parole „Anything goes” als tentativen Methodenpluralismus (plus Voodoo und Hexenkunst). Seine Abhandlungen schreibt er ständig um, vor allem seine „antipopperianische Stinkbombe”, das maßgebende Buch „Against Method” (deutsch „Wider den Methodenzwang”). „Dein Buch scheint zu einem Monstrum geworden zu sein”, argwöhnt Albert. Versteht sich, dass die intellektuellen Protagonisten des einstigen Zeitgeistes beschworen werden, von Thomas Kuhn oder Imre Lakatos bis Karl Rahner, Gadamer oder Habermas, mit dem sich Hans Albert ja um diese Zeit im Positivismusstreit duellierte.
Hin- und hergerissen wie stets ist Feyerabend in den Jahren der Studentenbewegung, engagiert sich für deren radikale Ziele, hält ihre Taktik indes für vorsintflutlich. „Überhaupt bin ich mehr und mehr nach links abgerutscht.” Doch schon 1970 heißt es in Großbuchstaben: „Der Feind steht links.” Gelassen stellt Albert fest, was „Du nun entdeckst” an der Jugendbewegung, „kennen wir schon lange: Moralismus und darüber hinaus sogar: elitäre Arroganz”.
Es sind höchst unterschiedliche Perspektiven, unter denen die beiden Briefpartner das Zeitgeschehen betrachten: Albert nahe an den deutschen Brennpunkten, Feyerabend aus der Sicht des Jetsets. Er fliegt rastlos umher, sowohl sein „wildes Denken” als auch seine soliden wissenschaftstheoretischen Schriften bescheren ihm Offerten von Universitäten um den halben Globus. Doch Entscheidungen werden immer wieder vertagt, Pläne gefasst und verworfen. „Deine Umplanungen sind atemberaubend!”, entringt es sich Albert einmal. Und Feyerabend stöhnt: „Hätte doch ein Opernsänger werden sollen.” Und fast in jedem Brief spielt er sich als Macho auf, scherzt auch mit des Hansens Gretl.
Erstaunlich ist dieser oft bekenntnishafte Briefwechsel nicht zuletzt darin, dass er vorführt, wie trotz erheblich auseinanderdriftender theoretischer Überzeugungen und Lebensstile persönliche Freundschaft Bestand haben kann.
Das Erscheinen dieses Bandes verdanken wir einem risikofreudigen Verleger. Unglücklicherweise hat er sich auch als Herausgeber betätigt, mit trübem Ergebnis. Notwendige Erläuterungen fehlen, Fußnoten, verdoppelt im Personenregister, sind nichtssagend: „Russell Bertrand, engl. Philosoph”, „Hilary Putnam, amerikan. Philosoph”, allzu viele sind falsch oder lachhaft: „Hannah Arendt, Philosophin, Schülerin und Geliebte Heideggers”. Für den angekündigten zweiten Band wünscht man sich einen Editor, der durch kenntnisreiche Ergänzungen das zeitgeschichtliche intellektuelle Umfeld der Briefe beleuchtet.
WILLY HOCHKEPPEL
 
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