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Asyl aktuell, 1, 2009
NZZ am Sonntag, 29.3.2009, Nr. 3, Seite 11
Kaukasische Bombensplitter Der Tschetschenien-Krieg der 90er-Jahre scheint vergessen. Der Autor Sultan Jaschurkaew hält die Erinnerung wach und erklärt, weshalb der Kaukasus ein Pulverfass bleibt. Von Roman Berger Nur Experten waren mit den «eingefrorenen Konflikten» Südossetien und Abchasien vertraut. An den abtrünnigen Provinzen in Georgien hat sich die schwerste Ost-West-Krise seit dem Ende des Kalten Krieges entzündet. Auf der anderen Seite des Kaukasus liegt Tschetschenien. Zweimal hat es in den 90er-Jahren lichterloh gebrannt. Jetzt ist Tschetschenien wieder ein «eingefrorener Konflikt» und aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber auch diese kaukasische Zündschnur brennt weiter. Grausame Schlächterei Darauf macht der tschetschenische Schriftsteller Sultan Jaschurkaew aufmerksam. In seinem von Splittern getroffenen Haus am Rand der tschetschenischen Hauptstadt Grosny notiert er tagebuchartig, was er nach Ausbruch des ersten Tschetschenien-Krieges (1994–1996) sieht und hört. So erinnert der heute in Belgien lebende Jaschurkaew, wie dem monatelangen Beschuss durch russische Kanonen und Helikopter Tausende in Grosny lebende Russen zum Opfer gefallen sind. Der Westen habe die grausame Schlächterei damals als «inneres Problem» Russlands betrachtet. Schliesslich, so Jaschurkaews bitterer Kommentar, sei in Moskau der «Demokrat» Jelzin am Ruder gewesen, und «je mehr Russland im eigenen Saft schmort, desto leichter ist es, mit ihm zu verhandeln». Brennend aktuell Der georgisch-russische Krieg zwingt den Westen, sich erneut mit dem Kaukasus zu beschäftigen. Jaschurkaews «Tagebuch » ist mehr als eine Beschreibung des Kriegsgeschehens in Grosny 1995. Im Rhythmus der Schusssalven und Bombenabwürfe hält er in Fragmenten die Geschichte seines Volkes fest, seine Kultur und Traditionen. Spannend und buchstäblich brennend aktuell werden die Erinnerungen, wenn Sultan Jaschurkaew über die historischen Hintergründe dieses Konfliktherdes nachdenkt, in dessen Zentrum Tschetschenien liegt. Die Zaren hätten mit dem «Sammeln der russischen Erde» die westlichen Imperien nachgeahmt, die ebenfalls ihre Kolonien sammelten und ausplünderten. Russland sei aber als Kolonialmacht schlecht gerüstet gewesen. Geografie und Ethnologie der eigenen Kolonien habe die Mehrheit der russischen Bevölkerung nie gekannt. Sultan Jaschurkaew, der in Moskau Ethnologie studiert hat, glaubt, dass auch für die Gebildeten in Russland die nordkaukasischen Republiken Tschetschenien, Inguschetien, Dagestan oder Kabardino-Balkarien zu Georgien gehörten. Erst durch die Kriege in Tschetschenien habe die russische Bevölkerung erfahren, dass dieses Stück Land nicht in Georgien liege. Tragisches Paradox Eine Grundursache für die Konflikte im Kaukasus sieht Jaschurkaew in einem tragischen Paradox: Von allen nicht russischen Völkern hätten die Tschetschenen die besten Beziehungen zu den Russen. Sie sprechen gut russisch, kennen die russische Literatur und haben zu Zehntausenden in der russischen Armee gedient. Und auch der Russe verspüre keinen besonderen Hass auf die Tschetschenen. Ähnliches könne man auch über das georgisch- russische Verhältnis sagen. Russland habe aber ein Kompensationsbedürfnis. Je mehr es sich von der Geschichte erniedrigt und beleidigt fühle, desto mehr wolle Russland seine Überlegenheit gegenüber Tschetschenen, Schlitzäugigen und «anderen Georgiern» ausspielen. Kurz: den «kleinen Bruder» erniedrigen, um die eigene Erniedrigung leichter zu ertragen. Das Buch «Auf Splitter gekratzt » eröffnet dem Leser unerwartete Einblicke – auch in die aktuelle Kaukasus- Krise. |