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an.schläge, 03/2009
Die Reise durch Chinas Süden führt zum eigenen Ich. (DR)
Es ist eine rabenschwarze Geschichte, die uns die Autorin in diesem schmalen Band kredenzt. Die Protagonistin reist mit ihrem Mann durch Yunnan, eine südliche Provinz Chinas. Je länger sie unterwegs sind, desto stärker ergreifen Zweifel und Selbstzweifel von ihr Besitz. Durch die fremden Schriftzeichen und die fremde Sprache der Kommunikation vollkommen beraubt, verschärft sich ihre Sichtweise nicht nur ihrer Umgebung, sondern auch ihrem Mann gegenüber. Das führt zum Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung und es verschwimmen schließlich Realität und Fantasie. Dieses Taschenbuch ist nicht nur, was die Thematik betrifft, schwere Kost, es ist auch anstrengend zu lesen. Immer wenn die Protagonistin ihre Gedanken ausschweifen lässt - und das geschieht ziemlich oft -, verkürzen sich die Sätze zu Fragmenten und schließlich zu einzelnen Worten, die regelrecht hämmern. Es fällt dem Leser dann schwer, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. - Ein Band, auf den Bibliotheken gut verzichten können.
*bn* Hertwiga Kröss Bibliotheksnachrichten (rezensionen online) Eine Brücke über den graubraunen Fluss. Die Grenze zwischen Vietnam und China. Heiß war es hier in den Bergen, und feucht, und auch sehr grün. Laocay hieß der Ort. Am Zusammenfluss zweier Gewässer, eines rotbraunen und eines graubraunen. Weit unterhalb der Brücke mischten sich die Wasser langsam. Darüber, auf einem Dreieck hoch, schwindelnd hoch über dem Zusammenfluss, wuchs der chinesische Teil der Stadt in den Himmel. Zum Greifen nahe und doch fern. Die chinesischen Posten empfingen sie streng und gewissenhaft. Woher sie waren? Audili! Ah, Audili, Land der Musik ... Eine Chinareise. Fremd das Land. Unlesbar die Zeichen, die Gesichter der Menschen. Der Sprache als Kommunikationsmittel beraubt, gerät die Protagonistin immer mehr in einen Zustand verschärfter Wahrnehmung. Der Worte entkleidet, wird die Reise immer mehr zu einer Reise in ihr Inneres. Realität und Traum verschwimmen. So wie sie der fremden Sprache nicht trauen kann, beginnt sie zunehmend an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Die Autorin führt ihre Protagonistin immer mehr in einen Zustand der eigenen Entfremdung. Frauensolidaritaet.at (Neuzugänge)
Carina Nekolnys Reisetrip nach „Yunnan. Unter südlichem Himmel“ „Ankommen, umschauen, fühlen, schmecken, riechen, einverleiben. Vergessen. Weiterziehen.“ Die preisgekrönte österreichische Schriftstellerin Carina Nekolny nimmt ihre Leser mit auf die verstörende Reise einer anonymen Wienerin und ihres Lebensgefährten „H.“ durch die südchinesische Provinz Yunnan. In den überfüllten Straßen der Stadt Kunming, in den Gebirgssiedlungen des Himalaya, auf Märkten, in Bussen und Betten, überall sehen sie unverständliche Zeichen und nehmen unbekannte Gerüche und Geräusche wahr. Diese detailliert beschriebenen Wahrnehmungen der Protagonistin erzeugen lebhafte Bilder. Europäische Bilder des neuen China. Bilder von Bauwahn und rasantem Wachstum, von erdrückenden Menschenmengen, Bilder von gehäuteten und zum Verkauf angebotenen Hunden werden aufgerufen, und dann als Klischees demaskiert. Der kulturelle Vergleich zieht sich als roter Faden durch den Roman. „Lijiang ist wie ein chinesisches Venedig.“ „Wasserspinat schmeckt wie Mangold.“ Er wird als Mittel der Aneignung entlarvt, als Versuch, sich das Fremde, das gleichermaßen erschreckt und fasziniert, einzuverleiben. „Die Frau“, die namenlose Hauptfigur des Romans, nimmt sich selbst die Illusion dieser Aneignung, indem sie ihre Strategien reflektiert. Sie ist aber dennoch darauf angewiesen, weil sie die Worte und Gesten der Menschen nicht entziffern kann. Sensibilisiert und geschwächt von ihren aussichtslosen, halbherzigen Versuchen, sich anzupassen und nur nicht aufzufallen, beginnt für sie auch eine Reise in ihr Inneres. Die Flut ambivalenter Eindrücke spült gleichsam die Widersprüche ihrer Gefühlswelt an die Oberfläche: Hass, Liebe, wechselndes Verlangen nach Nähe und Distanz zu ihrem daheim gebliebenen Kind und ihrem Begleiter. Ihn verachtet sie wegen der naiven Arroganz, mit der er das fernöstliche Land in sein eurozentrisches Weltbild integriert und gleichzeitig beneidet sie ihn für seine schamlose Neugier auf das Fremde. Immer wieder werden dem Leser Fragmente von Träumen und Gedanken der Protagonistin präsentiert, die sich zu komplexen, teils widersinnigen Ängsten und Sehnsüchten zusammenfügen. Auf diese Weise ermöglicht die Autorin einen bemerkenswert intimen Zugang zu den ansonsten schwach umrissenen Figuren. Der elliptische, sprunghafte Erzählstil der Autorin wirkt anfangs etwas hektisch, doch er spiegelt sehr genau die Verwirrung und die Panik wieder, die wir empfinden, wenn wir unsere Umgebung nicht erfassen und kontrollieren können. Carina Nekolny zeigt in beeindruckender Weise die Desorientierung ihrer Figur in einer Kultur, die absolut nichts Vertrautes zu haben scheint. Sie hält uns mit diesem Buch einen Spiegel vor, in dem wir unsere im Verborgenen liegenden Vorurteile sehen. Von Anne Mucha © Die Berliner Literaturkritik, 27.01.09 |