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Freitag, 18 Mai 2012
 
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Gindl Winfried: Schwarzer Spanier, Babalu und der Bluatige 1981 PDF Drucken E-Mail
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Freitag, 24. Juli 2009
11:40 Uhr

Beispiele

 

Der Ich-Erzähler der Geschichte, Peter, ein Student, geht mit seinem Freund Said, dessen Bruder Masoud ¬ und deren Cousin Basim zu spätabendlicher Stunde ins Restaurant "Schwarzer Spanier" in der Wiener Schwarzspanierstraße essen.
Said, Masoud und Basim sind Emigranten, Mitglieder einer linken Gruppierung, was sie während der Revolution natürlich nicht mehr wie zuvor unter dem Schah-Regime verborgen haben. Deshalb mussten sie nach der Machtübernahme durch die Mullahs flüchten; Basim arbeitet als Chirurg am AKH, wie die anderen beiden dort leben, verrät der Text nicht; er lässt überhaupt einiges über die Protagonisten im Unklaren, und manche Dinge werden nur so en passant erwähnt, weil sie sich sozusagen vor dem Einsetzen der Erzählung ereignet haben.
Im Lokal ist es ziemlich düster, der Raum ist beinahe nur von Kerzen in großen dreiarmigen Kandelabern beleuchtet, und die ganze Szenerie eine größere Abendessgesellschaft, für die eine lange Tafel aus mehreren Tischen angelegt wurde, und ein paar vereinzelte Gäste sind noch anwesend, bildet sich in einer großen nachtschwarzen Auslagenscheibe ab, die zur Straße hinaus zeigt.
Die vier reden über sich, ihre Erfahrungen, und dabei vor allem über die Iranische Revolution, über Straßenproteste, Machtkämpfe und Erlebnisse während solcher Wirren, über den Sinn oder Unsinn von Umstürzen, über Hinrichtungen, Flucht und Emigration, und Peter versucht, sich auf all das und seine eigene Situation als jemand, dem die „Schlachtbank der Geschichte“ bisher selbst erspart geblieben ist, und als jemand aus der zweiten Generation nach der Nazizeit irgendeinen Reim zu machen.
Aber die Freunde reden auch über zivilere Themen wie Karriereplanung, Lebensläufe, Liebesbeziehungen, psychische Probleme, Sozialismus und aktuelle technische Entwicklungen, und natürlich zwangsläufig über die Unterschiede und Verbindungen der verschiedenen Lebenswelten, die sich aus der jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Situation ergeben, und sie reden von Schicksalsverläufen, davon, was Zufälle und Rätselhaftes in diesen für Rollen einnehmen
Winfried Gindl, geboren 1962, lebt in Klagenfurt, ist Verlagslektor, tritt hin und wieder auch als Konzeptkünstler an die Öffentlichkeit. Publikationen: u. a. „Der Rest der Welt“ (Erzählungen, Alekto 1993, Kitab 2004), "Yoga light oder Die Prostata ist in Ordnung" (Gedichte, Alekto 1995, Kitab 2004); "Peepshow / 25 % mehr Inhalt gratis" (Sisyphus 1995); "DAS IST KEINE KUNST" (Konzeptkatalog, 1995); "Aufbruch, Gott, Hertha" (Roman, Resistenz 1999); "Textiltheater / Politische T-Shirts" (Konzeptkatalog zur gleichnamigen Aktion, 1999).
Weitere Informationen:
Winfried Gindl, "Schwarze Spanier, Babalu und der Bluatige". Ein Live-Bericht von einem Herrenabend im Jahr 1981 Kitab Verlag 2009

 

 


 GEGENWARTSLITERATUR 1738

Schwarzer Spanier, Babalu und der Bluatige

Ganz selten verströmt ein Roman eine solch plastische Wahrheit, dass man als Leser mit beiden Händen zupackt und den Text nie mehr im Leben aus der Hand geben will. Winfried Gindls Kompakt-Text über einen Herrenabend aus dem Jahr 1981 ist so ein Roman.

Das Gerüst ist denkbar einfach. Der Student Peter aus Kärnten geht mit den Brüdern Said und Masoud in Wien auf Zechtour, bald einmal stößt auch noch deren Cousin Basim dazu, der am AKH als Chirurg arbeitet. Ähnlich wie bei einem literarischen Quartett könnte man von einem trinkenden Quartett sprechen, denn während mit dem Essen noch gewartet wird, bis alle da sind, gibt es beim Trinken schon von der ersten Seite weg kein Halten mehr.

Die Stationen dieses Abends sind im Buchtitel verewigt, der schwarze Spanier ist ein aufregendes Speiselokal, Babalu ist ein erotischer Tempel und der Bluatige ist ein Beisl, bei dem die Alk-Leichen wie in der Prosektur aufgebahrt sind.

Die Gespräche und Gedankenschleifen halten sich jeweils an das Ambiente. Während des Essens im Schwarzen Spanier geht es vor allem um die Revolution, wie entsteht sie, wer führt sie, und was machen jene, die damit nicht zurechtkommen. Die drei Fress-Genossen Peters sind aus dem Iran geflüchtet, weil sie sich weder mit dem Schah-Regime noch mit der anschließenden Revolution abfinden konnten. Jetzt gibt es neben der Theorie viel revolutionäre Ernüchterung, denn der Alltag ist nun mal kapitalistisch organisiert, und wer vornehm speist, hat sich ja auch schon mit einer Tellerhälfte dem Kapitalismus angenähert. Während des anregenden Gesprächs verweilt die Runde eine Zeit lang bei der Penis-Verschönerung, die Basim am Krankenhaus durchführt, es gibt nichts, was er nicht zu einem guten Ende operieren könnte.

Als so ziemlich alles gesagt und alles aufgegessen ist, muss Basim doch noch dringend in eine Bordell, zu diesem Zweck verabschiedet sich die Runde und Basim und Peter gehen noch ins Babalu. Freilich nehmen sie nicht den Hard-Core, sondern die Vorstufe, eine Peep-Show mit allen Raffinessen. Selten in der Literaturgeschichte gibt es eine Darstellung über gut fünfzig Seiten, worin der Beobachter (und somit auch der Leser) wahnsinnig wird, weil er ständig in das Fenster der Peep-Show blicken muss. Die erotischen Handlungen sind völlig aufgelöst, mal werden sinnlos Gesichtsausdrücke beschrieben, dann wieder Stellungen, schließlich Satzfetzen, die mit dem Geschehnis absolut nichts zu tun haben. Erotik ist letztlich nichts anderes als eine völlige Projektion von an sich unerotischen Einzelteilen. Da beim Betrachter der Alkohol ziemlich stark in die Wahrnehmung schwappt, entsteht ein dramaturgisch seltsam plastisches Sexgebilde, das sich gleichermaßen zwischen Gehirn und Genital stellt.

Da Erotik selten Erlösung bringt und Sex schon gar nicht, müssen Peter und Basim abschließend noch in den Bluatigen. Darin liegen die Trink-Leichen des Abends aufgebahrt, der Ich-Erzähler Peter hat sich längst selbst aus dem Auge verloren. Zwischendrin will er eine schlafende Frau wecken, um mit ihr etwas Sexuell-Diffuses aufzuführen, aber es bleibt bei einem Griff an den Busen, der sich als negative Materie erweist.

Am Schluss bringt Basim den völlig umgekippten Ich-Erzähler ins Bett, wo er weit in den nächsten Tag hinein schläft. Aber auch dann ist noch längst nicht geklärt, was nun die Wirklichkeit ist: das, was der Körper wahrnimmt oder das, was durch den Kopf saust?

Winfried Gindl hat einen Revolutions-Roman der Ultra-Klasse geschrieben. Alles, was in der Rhetorik hohl ist, wird hier zu einer plastischen Phrase. Der Lebenssinn verklumpt auf ein Abtauchen in einen unbekannten Bewusstseinszustand, die Sprache verabschiedet sich oft mitten im Satz und taucht als neue Realität von hinten wieder auf der semantischen Bühne auf. „Ich habe fast kein Bier mehr in meinem Bier“ (211) sagt der Erzähler und bestellt sich klugerweise ein Neues. – Ein Roman der Ekstase und der Extraklasse!

 
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(c) 2006 kitab Verlag