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Freitag, 18 Mai 2012
 
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Breier Isabella: Interferenzen PDF Drucken E-Mail
Vierundvierzig Erzählungen bzw. Kurzgeschichten bzw. Noch-Kürzer-Geschichten enthält der Band "Interferenzen" der literarische Zweitling von Isabella Breier, geboren in Gmünd (NÖ.), folglich Waldviertlerin. Die Geschichten sind meist relativ kurz gehalten, sind hin und wieder in Kleinschreibung verfasst. Demnach verfolgt die Autorin konsequent eine Interferenz, die laut "Duden" folgendermaßen definiert wird:
1. (Physik) Überlagerung beim Zusammentreffen zweier od. mehrerer Wellenzüge.
2. (Biol.; Med.) Hemmung eines biologischen Vorgangs durch einen gleichzeitigen u. gleichartigen anderen (z. B. Hemmung des Chromosomenaustausches in der Nähe eines bereits erfolgten Chromosomenbruchs, einer Virusinfektion durch ein anderes Virus o. Ä.).
3. (Sprachw.) a) Einwirkung eines sprachlichen Systems auf ein anderes, die durch die Ähnlichkeit von Strukturen verschiedener Sprachen od. durch die Vertrautheit mit verschiedenen Sprachen entsteht; b) falsche Analogie beim Erlernen einer Sprache von einem Element der Fremdsprache auf ein anderes (z. B. die Verwechslung ähnlich klingender Wörter); c) Verwechslung von ähnlich klingenden [u. semantisch verwandten] Wörtern innerhalb der eigenen Sprache.
4. Erscheinung des Interferierens, Überlagerung, Überschneidung Duden - Das Fremdwörterbuch, 9. Aufl. Mannheim 2007 [CD-ROM] Isabella Breier vermengt und verfremdet die Sichtweisen ihrer meist weiblichen Protagonisten, die in Alltags- und Arbeitsverhältnisse eingebunden sind. Empfindungen, Gedanken sowie auch Betrachtungen stehen im Vordergrund der Geschichten, eingebettet in realistische Vorstellungsweisen mit grotesken und/oder skurrilen Zügen. Wer sich fließend erzählte Kurzgeschichten erwartet, wird eher enttäuscht werden. Breier vermischt experimentelle Texte mit konventionellen Erzählungen, wobei ihre Beschäftigung mit philosophischen, soziologischen Themen und Ansätzen durchaus spür- und lesbar ist. "Interferenzen" ist kein einfaches Buch, aber ein engagiertes und bemühtes Stück Literatur. Eine dementsprechende LeserInnenschaft ist der Autorin zu wünschen.
Rudolf Kraus
  
Wenn in der Physik scheinbar alles logisch zugeht, dann müsste es auch zwischen den Menschen logisch zugehen, wenn man deren Beziehungen mit der Sprache der Physik darstellt.
Isabella Breier verwendet für ihre Kurzgeschichten immer wieder Konstellationen aus der Physik, und schon der Titel Interferenzen erläutert das Erzählprogramm, denn eine Interferenz ist physikalisch gesehen eine Überlagerung von zwei Wellen und sprachlich gesehen die Übertragung von einer Sprachstruktur auf die andere.
Die 44 Prosa-Partikel lassen sich einerseits lesen wie eine Kurzgeschichtensammlung zu markanten Ereignissen, andererseits hängen diese Teile wieder Rhizom-artig zusammen, eine Erzählung verschwindet plötzlich und taucht an anderer Stelle wieder unerwartet auf.
Schon in den drei ersten Sequenzen lassen sich diese Verschränkungen ausmachen. In "Entweder oder" droht eine betrunkene Frau sich umzubringen, wenn die Erzählerin nicht sofort ein Gespräch auf die Füße stellt. Die Erzählerin ist hin und hergerissen zwischen Empörung und Hilfeleistung. Der Hilferuf der Außenseiterin wird zudem überlagert durch Gestank, obszöne Sprache und demonstrativ präsentiertes Elend, so dass es nicht leicht ist, durch die Abwehrsignale hindurch Kontakt aufzunehmen.
In der Erzählung "Der Punkt" schrumpft eine Figur schließlich zu jenem Punkt zusammen, wo jegliche Beziehung zu einem geometrisch präzisen Ereignis wird.
"Besessen, ein bisschen" nennt sich eine Überlegungskette, worin die Ich-Figur scheinbar aus heiterem Himmel mit Phantasien los legt, wann immer nämlich eine bestimmte Frau sichtbar wird, laufen in der erzählenden Figur erotische Projektionen an.
Die Figuren haben alle ein Dilemma: Wenn sie den Sachverhalt auf die Reihe kriegen, ist der Erlebnisinhalt weg, und lassen sie diesem freien Lauf, lässt sich nichts mehr so ausdrücken wie es nützlich wäre.
Manchmal führt diese Schizophrenie zwischen Eigensicht und Fremdeinschätzung in pures Desaster, etwa wenn unter dem kalten Begriff "daily routine" zusammengefasst eine ständig angesoffene Frau ununterbrochen Kinder im Hof beschimpft oder anonym Leute anruft, von einer aufgekratzten Stimmung in die nächste taumelt und nur in der Nacht etwas Ruhe findet, weil sie da keine Kinder sehen muss. Und trotz des sozial rauen Tones sind die Erzählungen voller feinfühliger Poesie.
"wenn sie zur bar geht, mitten in deinem satz, ziehen die lichtfelder an deinen sohlen, als wärst du ihnen etwas schuldig. saugen sich fest, du berufst dich auf schwerkräfte. zwischen der zeile, die bricht, und dir, steht eine abhandlung, von luft abgehalten, vom lärm gebannt." (193) Isabella Breier gelingt etwas schier Unmögliches: sie legt jeweils Interferenzen zwischen einer hochintellektuellen Theorie und der griffig spannenden Darstellung im gewöhnlichen Leben.

Helmuth Schönauer

 


 
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