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Ein gepflügtes Feld
Annett Krendlesbergers Romandebüt „Beweislast“ ist ein sprachliches Glanzstück mit einer etwas verunglückten Handlung Zehn Tage dauert eine hinreißend wütende Bestandsaufnahme der Heldin, in zehn Tagen wird sich aus dem Wust von Zorn, Erinnerung und Erkenntnis für die junge Frau eine Lösung aus ihrem Dilemma präsentieren. Emotionen kommen zur Genüge hoch, Annett Krendlesberger hat wohlüberlegt die Perspektive und die stilistischen Möglichkeiten des Inneren Monologes gewählt, um den Leser in einer atemlosen Hatz von einer Beobachtung zur nächsten zu treiben. Eine junge Frau mit wenig vorweisbaren beruflichen Erfolgen bewirbt sich in einer Consulting Firma, wird wider eigenes Erwarten aufgenommen, lässt sich dummerweise mit ihrem Vorgesetzten ein und wird dabei auch noch schwanger. Die zehn Tage beginnen an dem Morgen, an dem ihr der Test die Schwangerschaft bestätigt, und enden an dem Tag, an dem sie sich – höchstwahrscheinlich - für den Abbruch entscheidet. Dazwischen liegen dicht gewebte Erinnerungsketten, eingearbeitet in die jämmerlich düstere Gegenwart, in der sie versucht, die für sie richtige Entscheidung zu finden. Trotz aller nachvollziehbarer Wut, die äußerst gekonnt beschrieben wird, wird man jedoch das Gefühl, einem tiefschwarzen Roman aus den Siebziger Jahren zu folgen, nicht los. Sowohl die stereotypen Rollen der Eltern als auch der Gesellschaft erinnern an damalige Zeiten. Interessanter wäre die geschilderte Situation sicher geworden, wären die Klischees von Frau am Herd, Hüterin der Familie, anmaßender Gockelmänner und gewaltsamer männlicher Übergriffe ein wenig gebrochen worden. Die Wandlung von Paul, dem Erzeuger des Kindes, vom Blender zum verantwortungsbewussten Freund, dem die Machtspiele zu viel werden und der endlich einfach nur ein Mensch sein möchte, passiert über Nacht, ein kleines Saul-Wunder, das die Leserin etwas unvorbereitet trifft. Auch wenn klar ist, dass es diese deprimierenden Strukturen immer noch gibt, ist mit diesen Vorgaben doch schon vor Jahrzehnten gute Literatur geschrieben worden. Das unbestreitbare Können von Annett Krendlesberger hätte ein differenzierteres Setting vertragen. Denn die Autorin, 1967 in Wien geboren und mit mehreren kurzen Veröffentlichungen und Preisen bereits aufgefallen, besitzt ein großes Talent, Emotionen zu schüren und Gefühle sprachlich festzuhalten. Es gibt in „Beweislast“ eine Menge Skurriles, sicher gesetzte Pointen und ungemein präzise Beschreibungen, die wirklich witzig sind. Großartig sind auch die Verknüpfungen von Bildern, ungewöhnlichen Analogien, verblüffenden Metaphern. Das macht neugierig auf das nächste Buch, neugierig, wie Krendlesberger wohl die in diesem Roman erreichte stilistische Dichte in einer anderen Erzählperspektive umsetzt.
Beatrix Kramlovsky Literaturzeitschrift "Driesch" #7
Annett Krendlesberger sind Atempausen fremd, zumindest in ihrer Erzählung „Beweislast“. Von der ersten Seite an entwickelt sie ein Tempo, das sich - von reflexiven Momenten kaum berührt - darum bemüht, die Demütigungen, Gewalterfahrungen und falschen Rollenerwartungen der geschlechtlichen Sozialisation ihrer Protagonistin durchzudeklinieren. Bis ihr im letzten Drittel der Atem ausgeht. Die Ich-Erzählerin ist schwanger. Und zwar von ihrem Vorgesetzten, dem Unternehmensberater Paul, der auf Betriebsausflügen auch einmal beinahe ertrinkende Frauen ignoriert, um seine Schwimmleistungen zu steigern. Die Rahmenhandlung von „Beweislast“ setzt mit ihrer ersten (intimen) Begegnung mit Paul auf einem Betriebsausflug ein und endet mit der (unfreiwilligen) Eröffnung ihrer Schwangerschaft durch ihre Betriebskollegen und dem Besuch in einer Abtreibungsklinik. Sie kulminiert in den auf die Erzählerin einstürmenden Bildern vor dem Ambulatorium am Fleischmarkt: „Qi Gong, Tai Chi. Kung Fu. Intensivwochen. Geborgen in Gottes guten Händen (…) Daumen lutschende Föten in Fruchtblasen.“ (63) Dazwischen, in der Binnenhandlung, wird in Rückblenden, oftmals sehr unvermittelt mitten im Absatz und das erzählerische Präsens nicht verlassend, ihr Leben aufgerollt; die (orale) Vergewaltigung durch einen Schulfreund, die Demütigungen durch ihre Mitschüler, der gewalttätige Vater, die auf ihr Leben als Hausfrau reduzierte Mutter, die ersten Begegnungen mit der Sexualität, das (falsche) gesellschaftliche Rollenbild, dem sie als Frau zu entsprechen glauben muss. Dieses Rollenbild ist das einer Frau, die das „Ja-Sagen“ internalisiert hat, vom Verfertigen der Hausübungen ihrer Mitschüler bis hin zum widerspruchslosen Akzeptieren der Gehaltsvorstellungen ihrer neuen Arbeitsstelle. Seite um Seite entwickelt Annett Krendlesberger das Bild einer Frau, die sich, und das ist die Pointe der Erzählung, erst mit dem Entschluss zur Abtreibung als selbstbestimmte Frau empfinden können wird, wenn auch der tatsächliche Akt der Abtreibung offen gehalten wird. „Beweislast“ ist auf Empörung und emotionale Betroffenheit angelegt. In parataktischen und die Syntax schon einmal über die Satzgrenzen hinweg sehenden Sätzen wird die Leidensgeschichte der Erzählerin durchdekliniert. Eltern, Freunde, Mitschüler, Arbeitskollegen, religiöse Fundamentalisten und zynische Neoliberalisten – niemand wird verschont, sie alle spielen ihre dunklen Rollen, entweder in der Rolle des Opfers oder des Täters, für Differenzierungen bleibt wenig oder kaum Platz. Man bekommt beim Lesen den Eindruck, dass „Beweislast“ sich beim Schreiben nicht genau zwischen einer individuellen weiblichen, notwendig partikulär bleibenden Biografie und einer gesellschaftlichen Typologie weiblicher Sozialisierung entscheiden möchte. Daher das eigenartige Phänomen, dass die Erzählperspektive einerseits einen sehr engen, beinahe subkutanen Fokus einnimmt (so werden z. B. semantische Bilder aus dem Umkreis der Nahrungsaufnahme, eines der Lebensthemen der Protagonistin, denen der Sexualität untergeschoben), während sozusagen hinter dem Rücken der Erzählperspektive ein typisiertes Personenarsenal von einer repressiven Gesellschaft Zeugnis ablegen will. Neben den angesprochenen „lachsfarbenen Ralph-Lauren-Hemden“ und dem „BMW“ des Unternehmensberaters Paul wären hier noch der „kaufmännische Leiter“ zu nennen, der „SUV“, den Pauls Vorgesetzter fährt, sowie das Urteil, dass dieser nur auf „Gewinnmaximierung“ aus sei. Der Vergewaltiger ist ein „Fußballer“ und hat „Hendlbrüste“, der Vater ist gewalttätig und die Mutter ist auf ihre Rolle „am Herd“ fixiert. Somit durchläuft „Beweislast“ einige Klischees, die einem zu weiblicher Selbstbestimmungsliteratur einfallen. Einerseits erinnert der scheinbare Verzicht auf Stil- und Formfragen an Karin Strucks oder Verena Stefans feministische Romane der siebziger Jahre, sentenzhafte, zitierbare Passagen eingeschlossen („Füg dich ein. In die Weibchenrolle. Füg dich ein, ins Barbiepuppenspiel“). Andererseits schafft es „Beweislast“ jedoch nicht, einen Mehrwert zu generieren, der über die emotionale Betroffenheit hinauswiese, die die Erzählung so meisterhaft zu schildern versteht. „Beweislastumkehr“ ist übrigens der juristische Terminus für die Verschiebung der Beweislast auf die Gegenseite. Eben eine solche, mit dem Ziel, die repressiven, eine weibliche Selbstbestimmung erschwerenden Faktoren differenzierter zu benennen, hätte der Erzählung gut getan. Die Erkenntnisse, die Paul im letzten Drittel des Romans über seine Arbeit und gesellschaftliche Stellung gewinnt, sowie die Annahme des Geständnisses ihrer Schwangerschaft kommen leider zu unvermittelt und unmotiviert. Für die gelungene Beschreibung psychischer Ausnahmezustände und die motivische Partitur gibt es hingegen eine Leseempfehlung.
Alexander Sprung 14. Juni 2011 Literaturhaus.at Link zur Rezension |