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Neue Prosa aus Indien und Bangladesch Unter dem einladenden Titel Chili, Chai, Chapati – Geschichten aus Indien legt der Kitab- Verlag Klagenfurt – Wien eben eine deutsche Anthologie von 18 Hindi - Kurzgeschichten der letzten 50 Jahre vor, während fast gleichzeitig Uwe Zagratzki im Eigenverlag „Die Geschichte der Goldenen Frauen“ von Jabber Md. Abdul, eine Erzählung aus Bangladesch, in einer deutschen Übertragung aus dem Englischen publiziert. Diese Rezension versucht beide Veröffentlichungen in den einschlägigen Büchermarkt einzuordnen. Zunächst zwei Vorbemerkungen: Anthologien sind ein allgemein anerkannter Einstieg in die Literatur eines Landes, einer Sprache, einer Epoche oder einer Gattung wie der Lyrik oder der Kurzgeschichte. Letztere haben den Vorteil in sich abgeschlossener und damit dem literarischen Urteil besonders zugänglicher Texte, die nicht über sich auf ein Ganzes hinausweisen wie Auszüge aus einem Roman oder Szenen aus einem Drama. Sie bergen allerdings auch das Risiko jeder Auswahl, die zwischen qualitativ und thematisch repräsentativen und mehr oder weniger beliebigen Werken streng zu unterscheiden hat. In einem Roman aber, der von vier Protagonistinnen Eva, Kali, Bishakha und Maria erzählt, die den vier Hauptreligionen des indischen Subkontinents angehören und gegen das Patriarchat ihrer Heimat kämpfen, müssen die Belange narrativer Prosa und die Postulate einer engagierten Ethik in einem ausgewogenen Verhältnis stehen und die literarische Form des Romans rechtfertigen. Die Herausgeberinnen und der Herausgeber der Anthologie von Hindi-Kurzgeschichten Chili, Chai, Chapati, Frederike Grenner, Jürgen Neuß und Anna Petersdorf verbinden neben ihrem selbstverständlichen Anliegen, das deutsche Lesepublikum mit dem zeitgenössischen literarischen Schaffen auf dem indischen Subkontinent mit seinen nicht weniger als 24 Literatursprachen bekannt zu machen, noch das besondere Ziel, ihre Verbitterung darüber zu dokumentieren, dass „nach jahrelangem vergeblichen Kampf mit den verantwortlichen Entscheidungsträgern das indologische Institut der Freien Universität Berlin an planmäßiger Vernachlässigung und exzellenter Ignoranz verstirbt“. Folgerichtig beginnt das Buch mit einem Nachruf „ In memoriam Institut für die Sprachen und Kulturen Südasiens ehemals: Institut für Indische Philologie und Kunstgeschichte geb. 1963 - gest. 2012. Eine nachvollziehbare Empörung in Zeiten unverständlicher Mittelkürzungen und Institutsschließungen auch im universitären Bereich. Der Titel der Anthologie „Chili, Chai, Chapati“ bemüht mit den „scharfen Chilischoten, dem süßen Tee und den frischen Brotfladen die Grundversorgung der indischen Bevölkerung“ und erhebt mit der Kurzgeschichtenauswahl den indirekten Anspruch, uns „mit dem unver2 zichtbaren Minimum an bedeutender Hindi-Literatur zu versorgen“. Immerhin 18 Kurzgeschichten von 12 Autoren aus den letzten fünfzig Jahren, die von sieben Übersetzern aus dem Hindi direkt ins Deutsche übertragen wurden. Thematisch sind zwar Geschichten wie „Echos“ und „An die Stadt“ mit ihrem tief greifenden Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Studienplatz im westlichen Ausland und der Sehnsucht nach der inneren Heimat Indien oder auch die Polarität zwischen dem natürlichen Lebensgefühl der Stammesangehörigen “Bichiya“ und den „zivilisierten“ Stadtbewohnern in der gleichnamigen Kurzgeschichte durchaus typisch für vergleichbare Entwicklungsländer wie Indien. Unverwechselbar indisch aber ist eigentlich nur die Eingangserzählung „Achteinhalb Millionen Wiedergeburten“ von Yashpal. Hier wird auf eindrucksvolle Art beschrieben, wie das universelle naturwissenschaftliche Gesetz von der Erhaltung der Energie und ihre tiefe philosophische Durchdringung in der indischen Lehre von Karma und Dharma im Wiedergeburtsglauben eines einfachen Mädchens namens Guro leibhaftige Gestalt annimmt. „Von ihrer Mutter war Guro strenggläubig erzogen worden. Als sie sich zu verschleiern begann, hatte sie die tausend Namen Vishnus auswendig gelernt. Voller Hingabe verehrte sie Brahma, Vishnu, Mahesh, Ram, Krishna, Hanumanji, die zehn Gurus und Pir Saluhi“. Einer Nachbarin gegenüber wiederholt sie die Belehrung durch ihre Schwiegermutter: „Schwester, du weißt doch: Wenn der Mensch stirbt, irrt seine Seele durch achteinhalb Millionen Wiedergeburten. Wer weiß, welchen Körper Gott ihm als nächsten gibt!“ Die Familientradition hegt den festen Glauben, dass die Großmutter in der Hündin Beni weiterlebt, die von allen deshalb getätschelt und verwöhnt wird; als sie läufig ist, schaut Dabbu, der größte Hund des Stadtviertels, vorbei und will seiner Mannespflicht nachkommen. Guro weiß zweifelsfrei, dass mit Dabbu Großvater Lalaji gekommen ist und Großmutter seine Liebe zollt. Die Geschichte erzählt überzeugend, wie sich in Indien philosophische Weisheit und Durchdringung im natürlichen Glauben des einfachen Volkes ausdrücken kann. Ähnlich erfrischend wirkt das Dschungelmädchen Bichiya in der Kurzgeschichte von Ramkumar Bhramar, deren Anmut und Unbeschwertheit die Stadtfrauen in „ihren zugemauerten Gefängnissen“ komisch erscheinen lässt, da sie „von oben bis unten in einen einzigen Stoffschlauch eingezwängt„ sind und damit daran gehindert werden, den Rina des Gondstammes zu tanzen oder „schnell wie eine Gazelle zu laufen“. Der allzu früh verstorbene Mohan Rakesh berührt uns mit der alltäglichen Geschichte „Das Mittagessen“, in der Balo die Liebe zu ihrem Mann, den Busfahrer Succasimh, einfach dadurch beweist, dass sie trotz sengender Hitze, Durst und Übermüdung, Beleidigungen und Beschimpfungen des gestressten Mannes wegen ihrer unverschuldeten Verspätung stundenlang mit dem gebrachten Essen ausharrt. Die Liebe geht hier sozusagen nicht durch den Magen, sondern das Feuer der unerträglichen Hitze. Die Nayi Kahani, die neue Erzählform der Hindi-Literatur, taucht dann eigentlich nur bei Mridula Garg in der Geschichte „Vom Gletscher“ deutlich auf. Eine Frau, Mrs. Datta, sucht nach ihrer wechselnden Identität. „Vor zehn Jahren gab es diese Mrs. Datta noch nicht.“ Ihre verrückte Freundin Shyamla Puri wollte mit ihr Schafe züchten, jeden Morgen ein neues Lager errichten, immer weiterziehen, mit ihr ein neues Leben beginnen. So brach sie ihr Studium ab, als sie noch Usha Bhatnagar war, „ein gewöhnliches Mädchen, damit beschäftigt, Mrs. Datta zu werden. Nicht jedes Mädchen eignet sich dazu, farblich abgestimmt mit dem Sofa und dem Teppich im Halbdunkel hinter teuren Vorhängen zu leben.“ Nun erlebt sie zum ersten Mal den Gletscher. „Ich? Wer? Mrs. Datta? Du gehst zum Gletscher. Wer bist du? Wer? Ich. Mein Name. Usha, Mrs. Datta. Gletscher. Schnee. Shyamla: Schneeshyamla. Sonnenshyamla. U….sha…sha U….sha…“ 3 Sie verliebt sich in den Bergführer, einen Paschtunen. „Die Jahre vergehen leise. Tag um Tag sammelt sich der Staub im Haus, in den Vorhängen und im Teppich von Mrs. Datta.“ In den anderen Kurzgeschichten halten sich thematische oder stilistische Überraschungen in Grenzen: Orientierungslosigkeit und Heimatverlust, Selbstentfaltung der Frau als Individuum, Generationen- und Familienkonflikt, die Gefühlswelt des Kindes, das sind internationale Erfahrungen der Moderne und können deshalb auch in der indischen Literatur von heute als Themen keineswegs fehlen. Die Kurzgeschichte als moderne literarische Gattung ist zwar zum Teil amerikanischen Vorbildern geschuldet, hat aber in Indien und Deutschland auch eine je eigene Entstehungsgeschichte: in Deutschland verbindet sie sich stark mit der Ernüchterung der Nachkriegszeit, in Indien mit dem allgemeinen Aufbruch seit der Unabhängigkeit des Landes. Die kurze Erzählung war aber neben dem Epos, dem Roman und der Novelle unabhängig von Stilepochen, etwa als Fabel oder Märchen, immer schon aktuell und in Tausendundeine Nacht sogar lebenserhaltend, oder wie in „Unerhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter Hebel und in „Die Ungezählte Geliebte“ von Heinrich Böll trotz ihrer scheinbaren Kürze unvergessene Zeugen der Unsterblichkeit. Und im nochmaligen Rückgriff auf die vorliegende Anthologie bleibt festzuhalten, dass auch ihre Autoren wie Nirmal Verma, Yashpal, Mamta Kaliya, Mridula Garg oder Gitanjali Shree nicht nur wichtige Kurzgeschichtensammlungen vorgelegt haben, sondern auch bedeutende Romane geschrieben haben und damit dem Leser die Qual der Wahl zwischen den kurzen und langen Erzählformen und ihrer je eigenen und nicht austauschbaren Bedeutung nicht ersparen. Letztlich wird auch in der Hindi- Literatur nicht die Länge oder Kürze einer Erzählung, sondern ihre literarische Qualität und Aussagekraft ihr Überleben und ihre Bedeutung neben dem Drama und der Lyrik innerhalb der Gesamtliteratur bestimmen. Vielleicht gibt uns die folgende Besprechung des Romans „Die Geschichte der Goldenen Frauen“ von Jabber Md. Abdul in der deutschen Übersetzung von Inka Ibendahl eine weitere Gelegenheit zur gattungsgeschichtlichen literarischen Reflexion. Wenn man diese eher dünnbändige englischsprachige Erzählung aus Bangladesch mit ausladenden indischen Romanen wie „A Suitable Boy“ von Vikram Seth, „Red Earth and Pouring Rain“ oder „Sacred Games“ von Vikram Chandra, „Family Matters“ oder „A Fine Balance“ von Rohinton Mistry, „Maximum City“ von Suketu Mehta, „Cuckold“ von Kiran Nagarkar oder selbst „Midnight’s Children“ von Salman Rushdie vergleicht, glaubt man sich in einem anderen literarischen Genre, obwohl Jabber Abdul’s überschaubare Geschichte(n) mit den erwähnten schier endlosen Romanen die unverwechselbare indische Mischung aus sozialkritischen und gesellschaftspolitischen Elementen und ihre enge Verquickung mit mythologischen bzw. religiösen Grundvoraussetzungen gemeinsam haben. In Jabbar Abdul’s Erzählung haben allerdings die Religionen nur mehr die Rolle einer hinderlichen Folie, die von den Protagonistinnen kompromisslos zurückgewiesen wird, um eine radikal neue Gesellschaft zu er möglichen, die keine Kasten mehr kennt, Kinder und Mütter schützt, die Ungerechtigkeiten des Patriarchats abschafft, der Natur ihren Raum zurückgibt und mit sozialer Chancengleichheit Hoffnung auf Zukunft gibt. Gattungsgeschichtlich kann diese literarische Erzählform zwar als eine Art Roman durchgehen, sie trägt aber deutliche Züge von Schreibformen, die wir von Streitschriften, utopischer und didaktischer Literatur her kennen. 4 Halten wir zunächst fest: Ort und Zeit der Handlung ist das heutige Bangladesch. Die Personen der Handlung stehen eher für typisierte gesellschaftliche Rollen und Funktionen als komplexe schicksalshafte Lebensläufe. Geben wir Beispiele. Pearl und Hema Poddar vertreten die gute bürgerliche Mittelschicht, Shorola Roy und Hori Roy sind ein Ehepaar der traditionellen und konservativen Dorfgemeinschaft, die nur in der Geburt eines Sohnes das Heil sieht. Hari Narayan und seine Frau gehören einer niedrigen Hindukaste der Fischer an, die wegen ihrer Kinderlosigkeit von der Gesellschaft ausgegrenzt werden und das Dorf verlassen müssen. Narayan rettet den ausgesetzten Säugling Kali in letzter Sekunde. Christopher und Tarina Gomez sind Christen und erfahren neben der Diskriminierung ihrer dunkelhäutigen Tochter Maria gegenüber der hellhäutigen Nidra auch in dieser Glaubensgemeinschaft die Verachtung der Töchter durch den Vater, der auch den Typus des kriminellen Taugenichts repräsentiert. Mamun Bepari ist als Gewürzhändler ebenso erfolgreich wie rücksichtslos und seine junge Frau Mala gebiert dem alten Mann eine Tochter Tumpa, die zwar gründlich verwöhnt wird, aber über die gleichaltrige Maria und ihren idealistischen Lehrer Hossein Talukdar doch noch den Weg zu Schule und Lernen findet. Mit der Einführung des dreizehnjährigen Geshu Gullu und seiner Mutter Gullu, der Braut Rupban und der Heiratsvermittlerin Buri Beti wird das Thema der traditionellen Heirat in allen ihren absurden Aspekten beschrieben, vom Aberglauben, der bösen Schwiegermutter, übertriebenen Mitgifterwartungen bis hin zu Intrigen der Schiegermutter, die mit Hilfe des unschuldigen Rafijoor und der korrupten Verwaltungsräte Foontu Moontu und Joontu Moontu schließlich zum vorgetäuschten Ehebruch und zur Scheidung führen. Ihre dunkelhäutige Tochter Eva muss wie ehemals Kali ohne Mutter aufwachsen. Unweit von Evas und Kalis Dorf wohnt der reiche Mann Mrida Mohapran, seine begabte Tochter Minerva lernt während ihres Studiums den Studenten Modern Majhi kennen, der sie schwängert und sich ins Ausland absetzt. Ihr Sohn Anno ist behindert und erlaubt dem Erzähler eine bittere Anklage gegen den Umgang der Gesellschaft mit Abweichungen von der Norm. Hier schließt sich langsam der Kreis, als sich die vier jungen Frauen Bishakha, Kali,Eva und Maria die wir als Kinder kennengelernt haben, treffen und in langen Streitgesprächen mit einer Tante und den wohlhabenden Mitstudenten Chandra Ray und Pony Progress über eigenständige Frauenarbeit und unabhängige Lebensentscheidungen, ihre natürliche Einstellung zur Natur und Offenheit für ihre Vielfalt und Schönheit, schlicht in allen wichtigen Fragen ihren eigenen, vom männlichen Partner unabhängigen Weg finden und gehen werden. Die offensichtlich didaktische Grundstruktur der Erzählung mit ihren Rollenzuteilungen wird von Anfang an von einem anschaulichen, bilderreichen Stil und überrachenden sprachlichen Formulierungen belebt, der die oft provokativ ernsten ethischen und sozialen Anliegen durchwegs akzeptabel erscheinen lässt und die Lektüre oft genug zum Genuss machen. So wird die kleine Bishakha Barua gleich zu Beginn im verzweifelten Kampf um einen Stehplatz mit den Fahrgästen in den übervollen Bussen bei ihrem Zettelverteilen gezeigt und plötzlich ausgerufen: „Welch eine Freude inmitten des Busses: Menschliche Körper, ungeachtet ihres Geschlechtes, konnten sich berühren! Der alte, kleine Bus mit seinem ausländischen Motor, der mit teurem Benzin fuhr, wagte es, sich gegen die strengen religiösen Beschränkungen und sozialen Ordnungen dieser Gesellschaft zu stellen.“ Als Maria Lesen und Schreiben lernt, „lächelt ihre Handschrift in schwarzer Tinte auf weißem Papier wie Mona Lisa“ und sie erschauert vor Glück, als sie ein Buch bekommt: „Die schwarzen Wörter und Sätze in ihrem Buch auf dem weißen Papier hatten ein wenig Farbe von Maria geborgt, und nun hatte das Buch die Gelegenheit, ihr etwas zurück zu geben.“ 5 Nach der Scheidung von Geshu Gullu bleibt Eva mutterlos zurück. „ Mit ihrem mörderischen Gesichtsausdruck und ihrer Ruhe brannte sie das weit entfernte Haus des Ratsmitglieds der Verwaltung nieder und sandte eine Botschaft an die Welt: Mögen nur die gedeihen, die niemals eine Mutter und ihr Kind voneinander trennen. Möge jede Zivilisation zerstört werden, deren Menschen ein Mutterherz falsch beurteilt haben!“ Kali und Eva waren arm und hatten für Süssigkeiten kein Geld. „Wenn sie vom Spielen müde waren, schauten sie zum Himmel. Sie bissen ein großes Stück einer Wolke ab und stillten so in Gedanken ihren Appetit auf Eiscreme.“ Kali und Eva lernen aus trockenen Blättern Besen zu binden und der Besen wird in ihrer Phantasie zum Kleid einer Ballerina. „Kali und Eva machten ihre eigene Musik und tanzen ihren eigenen Tanz auf der größten Bühne der Welt; selbst die talentierteste Ballerina hätte nur weinen können im Angesicht der Kunst von Kali und Eva,“ Minerva sagt über das schwere Los ihres behinderten Sohnes die bewegenden Worte: „Der Stolz einer Mutter besteht darin, dass sie zwar weiß, dass ihr Kind ein leerer Garten ist, aber dennoch nicht aufhört, von den grünen Bäumen und den zwitschernden Vögeln darin zu träumen“. Sie wartet auf den Tag, an dem sie dem Ehemann, der sie in dieser Situation allein gelassen hat, die Frage nach dem Warum stellen kann und wird ihm diese Frage „gleich einem Pfeil in sein selbstsüchtiges Herz bohren.“ Am Ende ergreift der Erzähler selbst das Wort und erläutert die Wichtigkeit von Träumen, ohne die das Leben „den großen Meereswogen ähneln, die uns riesig erscheinen, aber ihre Existenz verlieren, sobald sie an die Küste treffen.“ Für viele Menschen sind Träume „farbig, groß und blau, wie der blaueste, unermessliche Himmel. Vielleicht werden ihre Träume in sengender Sonne oder durch Feuer verbrannt, oder davon gespült an einen anderen Ort durch riesige Flutwellen, aber sie verschwinden niemals ganz. Diese Menschen wissen immer, wo sie mit ihren Augen den Leuchtturm suchen müssen. Sie sind wie Meeresküsten, verloren an die See bei Flut, aber bestimmt dazu, bei Ebbe zu wachsen.“ In der Tat ein mächtiges Bild aus dem durch den Klimawandel von Überflutung bedrohten Bangladesch, dessen Bewohner einer ihrer in Deutschland tätigen Söhne, der Filmregisseur Shahin-Dill Riaz, in einem Dokumentarfilm „die glücklichsten Menschen der Erde“ genannt hat, dessen Tochter, die Menschenrechtlerin Taslima Nasrim, in Skandinavien Asyl gefunden hat und dessen ebenfalls in Deutschland ansässige Autor Jabber Md. Abdul seine Landsleute hoffentlich auch bald nicht nur im Englischen und in deutscher Übersetzung, sondern auch in einer der poetischsten Sprachen der Welt, dem Bengali, mit weiteren Geschichten von Kindern, Frauen und Männern dieses Landes bereichern wird.
Dr. Georg Lechner- Indien-Institut München August 2011
DieHerausgeberinnen und der Herausgeber der Anthologie von Hindi-Kurzgeschichten Chili, Chai, Chapati, Frederike Grenner, Jürgen Neuß und Anna Petersdorf verbinden neben ihrem selbstverständlichen Anliegen, das deutsche Lesepublikum mit dem zeitgenössischen literarischen Schaffen auf dem indischen Subkontinent mit seinen nicht weniger als 24 Literatursprachen bekannt zu machen, noch das besondere Ziel, ihre Verbitterung darüber zu dokumentieren, dass „nach jahrelangem vergeblichen Kampf mit den verantwortlichen Entscheidungsträgern das indologische Institut der Freien Universität Berlin an planmäßiger Vernachlässigung und exzellenter Ignoranz verstirbt“. Folgerichtig beginnt das Buch mit einem Nachruf „ In memoriam Institut für die Sprachen und Kulturen Südasiens ehemals: Institut für Indische Philologie und Kunstgeschichte geb. 1963 - gest. 2012. Eine nachvollziehbare Empörung in Zeiten unverständlicher Mittelkürzungen und Institutsschließungen auch im universitären Bereich. Der Titel der Anthologie „Chili, Chai, Chapati“ bemüht mit den „scharfen Chilischoten, dem süßen Tee und den frischen Brotfladen die Grundversorgung der indischen Bevölkerung“ und erhebt mit der Kurzgeschichtenauswahl den indirekten Anspruch, uns „mit dem unver- zichtbaren Minimum an bedeutender Hindi-Literatur zu versorgen“. Immerhin 18 Kurzgeschichten von 12 Autoren aus den letzten fünfzig Jahren, die von sieben Übersetzern aus dem Hindi direkt ins Deutsche übertragen wurden. Thematisch sind zwar Geschichten wie „Echos“ und „An die Stadt“ mit ihrem tief greifenden Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Studienplatz im westlichen Ausland und der Sehnsucht nach der inneren Heimat Indien oder auch die Polarität zwischen dem natürlichen Lebensgefühl der Stammesangehörigen “Bichiya“ und den „zivilisierten“ Stadtbewohnern in der gleichnamigen Kurzgeschichte durchaus typisch für vergleichbare Entwicklungsländer wie Indien. Unverwechselbar indisch aber ist eigentlich nur die Eingangserzählung „Achteinhalb Millionen Wiedergeburten“ von Yashpal. Hier wird auf eindrucksvolle Art beschrieben, wie das universelle naturwissenschaftliche Gesetz von der Erhaltung der Energie und ihre tiefe philosophische Durchdringung in der indischen Lehre von Karma und Dharma im Wiedergeburtsglauben eines einfachen Mädchens namens Guro leibhaftige Gestalt annimmt. „Von ihrer Mutter war Guro strenggläubig erzogen worden. Als sie sich zu verschleiern begann, hatte sie die tausend Namen Vishnus auswendig gelernt. Voller Hingabe verehrte sie Brahma, Vishnu, Mahesh, Ram, Krishna, Hanumanji, die zehn Gurus und Pir Saluhi“. Einer Nachbarin gegenüber wiederholt sie die Belehrung durch ihre Schwiegermutter: „Schwester, du weißt doch: Wenn der Mensch stirbt, irrt seine Seele durch achteinhalb Millionen Wiedergeburten. Wer weiß, welchen Körper Gott ihm als nächsten gibt!“ Die Familientradition hegt den festen Glauben, dass die Großmutter in der Hündin Beni weiterlebt, die von allen deshalb getätschelt und verwöhnt wird; als sie läufig ist, schaut Dabbu, der größte Hund des Stadtviertels, vorbei und will seiner Mannespflicht nachkommen. Guro weiß zweifelsfrei, dass mit Dabbu Großvater Lalaji gekommen ist und Großmutter seine Liebe zollt. Die Geschichte erzählt überzeugend, wie sich in Indien philosophische Weisheit und Durchdringung im natürlichen Glauben des einfachen Volkes ausdrücken kann. Ähnlich erfrischend wirkt das Dschungelmädchen Bichiya in der Kurzgeschichte von Ramkumar Bhramar, deren Anmut und Unbeschwertheit die Stadtfrauen in „ihren zugemauerten Gefängnissen“ komisch erscheinen lässt, da sie „von oben bis unten in einen einzigen Stoffschlauch eingezwängt„ sind und damit daran gehindert werden, den Rina des Gondstammes zu tanzen oder „schnell wie eine Gazelle zu laufen“. Der allzu früh verstorbene Mohan Rakesh berührt uns mit der alltäglichen Geschichte „Das Mittagessen“, in der Balo die Liebe zu ihrem Mann, den Busfahrer Succasimh, einfach dadurch beweist, dass sie trotz sengender Hitze, Durst und Übermüdung, Beleidigungen und Beschimpfungen des gestressten Mannes wegen ihrer unverschuldeten Verspätung stundenlang mit dem gebrachten Essen ausharrt. Die Liebe geht hier sozusagen nicht durch den Magen, sondern das Feuer der unerträglichen Hitze. Die Nayi Kahani, die neue Erzählform der Hindi-Literatur, taucht dann eigentlich nur bei Mridula Garg in der Geschichte „Vom Gletscher“ deutlich auf. Eine Frau, Mrs. Datta, sucht nach ihrer wechselnden Identität. „Vor zehn Jahren gab es diese Mrs. Datta noch nicht.“ Ihre verrückte Freundin Shyamla Puri wollte mit ihr Schafe züchten, jeden Morgen ein neues Lager errichten, immer weiterziehen, mit ihr ein neues Leben beginnen. So brach sie ihr Studium ab, als sie noch Usha Bhatnagar war, „ein gewöhnliches Mädchen, damit beschäftigt, Mrs. Datta zu werden. Nicht jedes Mädchen eignet sich dazu, farblich abgestimmt mit dem Sofa und dem Teppich im Halbdunkel hinter teuren Vorhängen zu leben.“ Nun erlebt sie zum ersten Mal den Gletscher. „Ich? Wer? Mrs. Datta? Du gehst zum Gletscher. Wer bist du? Wer? Ich. Mein Name. Usha, Mrs. Datta. Gletscher. Schnee. Shyamla: Schneeshyamla. Sonnenshyamla. U….sha…sha U….sha…“ Sie verliebt sich in den Bergführer, einen Paschtunen. „Die Jahre vergehen leise. Tag um Tag sammelt sich der Staub im Haus, in den Vorhängen und im Teppich von Mrs. Datta.“ In den anderen Kurzgeschichten halten sich thematische oder stilistische Überraschungen in Grenzen: Orientierungslosigkeit und Heimatverlust, Selbstentfaltung der Frau als Individuum, Generationen- und Familienkonflikt, die Gefühlswelt des Kindes, das sind internationale Erfahrungen der Moderne und können deshalb auch in der indischen Literatur von heute als Themen keineswegs fehlen. Die Kurzgeschichte als moderne literarische Gattung ist zwar zum Teil amerikanischen Vorbildern geschuldet, hat aber in Indien und Deutschland auch eine je eigene Entstehungsgeschichte: in Deutschland verbindet sie sich stark mit der Ernüchterung der Nachkriegszeit, in Indien mit dem allgemeinen Aufbruch seit der Unabhängigkeit des Landes. Die kurze Erzählung war aber neben dem Epos, dem Roman und der Novelle unabhängig von Stilepochen, etwa als Fabel oder Märchen, immer schon aktuell und in Tausendundeine Nacht sogar lebenserhaltend, oder wie in „Unerhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter Hebel und in „Die Ungezählte Geliebte“ von Heinrich Böll trotz ihrer scheinbaren Kürze unvergessene Zeugen der Unsterblichkeit. Und im nochmaligen Rückgriff auf die vorliegende Anthologie bleibt festzuhalten, dass auch ihre Autoren wie Nirmal Verma, Yashpal, Mamta Kaliya, Mridula Garg oder Gitanjali Shree nicht nur wichtige Kurzgeschichtensammlungen vorgelegt haben, sondern auch bedeutende Romane geschrieben haben und damit dem Leser die Qual der Wahl zwischen den kurzen und langen Erzählformen und ihrer je eigenen und nicht austauschbaren Bedeutung nicht ersparen. Letztlich wird auch in der Hindi- Literatur nicht die Länge oder Kürze einer Erzählung, sondern ihre literarische Qualität und Aussagekraft ihr Überleben und ihre Bedeutung neben dem Drama und der Lyrik innerhalb der Gesamtliteratur bestimmen. Indien-Instutut, Dr. Lechner
 Ein ausführliches und kenntnisreiches Vorwort, sowie eine ganze Reihe zusätzlicher Informationen zur Aussprache indischer Begriffe, ein Quellenverzeichnis und Informationen zu den Autoren und Autorinnen, Herausgebern und Übersetzern umrahmen 18 neu übersetzte Kurzgeschichten aus Indien. Mit diesen hilfreichen Angaben und Erklärungen ist dieses Buch mehr als ein Geschichtenbuch, die Kurzgeschichten sind chronologisch geordnet und geben mit den Erläuterungen einen interessanten Einblick in indisches Literaturschaffen. Die dickleibigen Romane aus Indien, die in Deutschland in den Buchhandlungen stehen, sind keineswegs typisch für indische Literatur. Sie sind durchgängig aus dem Englischen übersetzt und erwecken so den Eindruck, als sei Englisch die allgemeine Literatursprache Indiens. Dem ist nicht so, nur bleibt uns Europäern die Literatur in den indischen Nationalsprachen bis auf wenige Ausnahmen verschlossen. Dabei wird in den 24 anerkannten Nationalsprachen Indiens viel mehr geschrieben als in Englisch, die Literaturszene ist lebendig und vielseitig, besonders beliebt sind Lyrik und Kurzgeschichten, weniger umfangreiche Romane. Mit mindestens 300 Millionen Muttersprachlern ist Hindi eine der meistgesprochenen Sprachen der Welt, 18 Kurzgeschichten aus dem Hindi übersetzt geben hier einen Einblick in das Literaturschaffen in dieser Sprache. Chili, Chai, Chapati sind die essentiellen Bestandteile eines typischen nordindischen Essens (Gewürz, Tee, Brotfladen) und stehen hier als Synonym für die Grundlagen der Hindi-Literatur. Zeitlich ist der Bogen ab den 60er Jahren bis in die jüngste Gegenwart gespannt und besonders häufig kommen Schriftstellerinnen zu Wort. Natürlich sind die Geschichten in ihren jeweiligen kulturellen Rahmen gesetzt, aber hinter dem eher oberflächlichen Fremden kommen allgemeingültige Themen zum Tragen, da geht es um Einsamkeit und Entfremdung, das Gefühl, dass das eigene Leben verrinnt, ohne irgendeine Besonderheit aufzuweisen. Thema ist auch das Ringen um Anerkennung, um die Gleichwertigkeit der Frau, die Suche nach Gerechtigkeit und – natürlich auch – nach Liebe und es geht auch um Anstand und Verständnis. Die indische Realität findet der Leser in diesen ausgewählten Geschichten, übersetzt aus dem Hindi, viel eher und viel einfühlsamer erklärt als in den bunten, bollywood- und masalalastigen Taschenbüchern in den Buchhandlungen. Die drei Herausgeber und Herausgeberinnen haben Indologie studiert und sie sprechen alle drei Hindi. Die Übersetzer und Übersetzerinnen der Geschichten, es sind insgesamt acht, kommen ebenfalls alle aus dem universitären Bereich. Die Auswahl der Geschichten beweist fundierte Kenntnisse der Hindi-Literatur. Fazit 18 ausgewählte Kurzgeschichten von bekannten und weniger bekannten in Hindi schreibenden Autoren und Autorinnen schildern eindrücklich die vielfältigen Lebensrealitäten der indischen Bevölkerung, ihre Sehnsüchte und Ängste, ihr Aufbegehren und ihre Resignation. Ein kurzweiliger Einstieg in die indische Realität. Rezension.org 1.8.2011 |