englishfrancaisitalianoslovenscinaespanol
 
Freitag, 18 Mai 2012
 
Aktuelles
Cover
 
   
 
Chili, Chai, Chapati, 2011 PDF Drucken E-Mail

 Neue Prosa aus Indien und Bangladesch


Unter dem einladenden Titel Chili, Chai, Chapati – Geschichten aus Indien legt der Kitab-
Verlag Klagenfurt – Wien eben eine deutsche Anthologie von 18 Hindi - Kurzgeschichten der
letzten 50 Jahre vor, während fast gleichzeitig Uwe Zagratzki im Eigenverlag „Die Geschichte
der Goldenen Frauen“ von Jabber Md. Abdul, eine Erzählung aus Bangladesch, in
einer deutschen Übertragung aus dem Englischen publiziert. Diese Rezension versucht
beide Veröffentlichungen in den einschlägigen Büchermarkt einzuordnen.
Zunächst zwei Vorbemerkungen: Anthologien sind ein allgemein anerkannter Einstieg in die
Literatur eines Landes, einer Sprache, einer Epoche oder einer Gattung wie der Lyrik oder
der Kurzgeschichte. Letztere haben den Vorteil in sich abgeschlossener und damit dem
literarischen Urteil besonders zugänglicher Texte, die nicht über sich auf ein Ganzes
hinausweisen wie Auszüge aus einem Roman oder Szenen aus einem Drama. Sie bergen
allerdings auch das Risiko jeder Auswahl, die zwischen qualitativ und thematisch
repräsentativen und mehr oder weniger beliebigen Werken streng zu unterscheiden hat. In
einem Roman aber, der von vier Protagonistinnen Eva, Kali, Bishakha und Maria erzählt, die
den vier Hauptreligionen des indischen Subkontinents angehören und gegen das Patriarchat
ihrer Heimat kämpfen, müssen die Belange narrativer Prosa und die Postulate einer
engagierten Ethik in einem ausgewogenen Verhältnis stehen und die literarische Form des
Romans rechtfertigen.
Die Herausgeberinnen und der Herausgeber der Anthologie von Hindi-Kurzgeschichten
Chili, Chai, Chapati, Frederike Grenner, Jürgen Neuß und Anna Petersdorf verbinden neben
ihrem selbstverständlichen Anliegen, das deutsche Lesepublikum mit dem zeitgenössischen
literarischen Schaffen auf dem indischen Subkontinent mit seinen nicht weniger als 24
Literatursprachen bekannt zu machen, noch das besondere Ziel, ihre Verbitterung darüber
zu dokumentieren, dass „nach jahrelangem vergeblichen Kampf mit den verantwortlichen
Entscheidungsträgern das indologische Institut der Freien Universität Berlin an planmäßiger
Vernachlässigung und exzellenter Ignoranz verstirbt“. Folgerichtig beginnt das Buch mit
einem Nachruf „ In memoriam Institut für die Sprachen und Kulturen Südasiens ehemals:
Institut für Indische Philologie und Kunstgeschichte geb. 1963 - gest. 2012. Eine nachvollziehbare
Empörung in Zeiten unverständlicher Mittelkürzungen und Institutsschließungen
auch im universitären Bereich.
Der Titel der Anthologie „Chili, Chai, Chapati“ bemüht mit den „scharfen Chilischoten, dem
süßen Tee und den frischen Brotfladen die Grundversorgung der indischen Bevölkerung“ und
erhebt mit der Kurzgeschichtenauswahl den indirekten Anspruch, uns „mit dem unver2
zichtbaren Minimum an bedeutender Hindi-Literatur zu versorgen“. Immerhin 18 Kurzgeschichten
von 12 Autoren aus den letzten fünfzig Jahren, die von sieben Übersetzern aus
dem Hindi direkt ins Deutsche übertragen wurden.
Thematisch sind zwar Geschichten wie „Echos“ und „An die Stadt“ mit ihrem tief greifenden
Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Studienplatz im westlichen Ausland und der Sehnsucht
nach der inneren Heimat Indien oder auch die Polarität zwischen dem natürlichen Lebensgefühl
der Stammesangehörigen “Bichiya“ und den „zivilisierten“ Stadtbewohnern in der
gleichnamigen Kurzgeschichte durchaus typisch für vergleichbare Entwicklungsländer wie
Indien. Unverwechselbar indisch aber ist eigentlich nur die Eingangserzählung „Achteinhalb
Millionen Wiedergeburten“ von Yashpal. Hier wird auf eindrucksvolle Art beschrieben, wie
das universelle naturwissenschaftliche Gesetz von der Erhaltung der Energie und ihre tiefe
philosophische Durchdringung in der indischen Lehre von Karma und Dharma im Wiedergeburtsglauben
eines einfachen Mädchens namens Guro leibhaftige Gestalt annimmt. „Von
ihrer Mutter war Guro strenggläubig erzogen worden. Als sie sich zu verschleiern begann,
hatte sie die tausend Namen Vishnus auswendig gelernt. Voller Hingabe verehrte sie
Brahma, Vishnu, Mahesh, Ram, Krishna, Hanumanji, die zehn Gurus und Pir Saluhi“. Einer
Nachbarin gegenüber wiederholt sie die Belehrung durch ihre Schwiegermutter: „Schwester,
du weißt doch: Wenn der Mensch stirbt, irrt seine Seele durch achteinhalb Millionen Wiedergeburten.
Wer weiß, welchen Körper Gott ihm als nächsten gibt!“ Die Familientradition hegt
den festen Glauben, dass die Großmutter in der Hündin Beni weiterlebt, die von allen deshalb
getätschelt und verwöhnt wird; als sie läufig ist, schaut Dabbu, der größte Hund des
Stadtviertels, vorbei und will seiner Mannespflicht nachkommen. Guro weiß zweifelsfrei, dass
mit Dabbu Großvater Lalaji gekommen ist und Großmutter seine Liebe zollt. Die Geschichte
erzählt überzeugend, wie sich in Indien philosophische Weisheit und Durchdringung im
natürlichen Glauben des einfachen Volkes ausdrücken kann.
Ähnlich erfrischend wirkt das Dschungelmädchen Bichiya in der Kurzgeschichte von
Ramkumar Bhramar, deren Anmut und Unbeschwertheit die Stadtfrauen in „ihren
zugemauerten Gefängnissen“ komisch erscheinen lässt, da sie „von oben bis unten in einen
einzigen Stoffschlauch eingezwängt„ sind und damit daran gehindert werden, den Rina des
Gondstammes zu tanzen oder „schnell wie eine Gazelle zu laufen“. Der allzu früh verstorbene
Mohan Rakesh berührt uns mit der alltäglichen Geschichte „Das Mittagessen“, in
der Balo die Liebe zu ihrem Mann, den Busfahrer Succasimh, einfach dadurch beweist, dass
sie trotz sengender Hitze, Durst und Übermüdung, Beleidigungen und Beschimpfungen des
gestressten Mannes wegen ihrer unverschuldeten Verspätung stundenlang mit dem gebrachten
Essen ausharrt. Die Liebe geht hier sozusagen nicht durch den Magen, sondern
das Feuer der unerträglichen Hitze. Die Nayi Kahani, die neue Erzählform der Hindi-Literatur,
taucht dann eigentlich nur bei Mridula Garg in der Geschichte „Vom Gletscher“ deutlich auf.
Eine Frau, Mrs. Datta, sucht nach ihrer wechselnden Identität. „Vor zehn Jahren gab es diese
Mrs. Datta noch nicht.“ Ihre verrückte Freundin Shyamla Puri wollte mit ihr Schafe züchten,
jeden Morgen ein neues Lager errichten, immer weiterziehen, mit ihr ein neues Leben beginnen.
So brach sie ihr Studium ab, als sie noch Usha Bhatnagar war, „ein gewöhnliches
Mädchen, damit beschäftigt, Mrs. Datta zu werden. Nicht jedes Mädchen eignet sich dazu,
farblich abgestimmt mit dem Sofa und dem Teppich im Halbdunkel hinter teuren Vorhängen
zu leben.“ Nun erlebt sie zum ersten Mal den Gletscher. „Ich? Wer? Mrs. Datta? Du gehst
zum Gletscher. Wer bist du? Wer? Ich. Mein Name. Usha, Mrs. Datta. Gletscher. Schnee.
Shyamla: Schneeshyamla. Sonnenshyamla. U….sha…sha U….sha…“
3
Sie verliebt sich in den Bergführer, einen Paschtunen. „Die Jahre vergehen leise. Tag um Tag
sammelt sich der Staub im Haus, in den Vorhängen und im Teppich von Mrs. Datta.“
In den anderen Kurzgeschichten halten sich thematische oder stilistische Überraschungen in
Grenzen: Orientierungslosigkeit und Heimatverlust, Selbstentfaltung der Frau als Individuum,
Generationen- und Familienkonflikt, die Gefühlswelt des Kindes, das sind internationale Erfahrungen
der Moderne und können deshalb auch in der indischen Literatur von heute als
Themen keineswegs fehlen.
Die Kurzgeschichte als moderne literarische Gattung ist zwar zum Teil amerikanischen
Vorbildern geschuldet, hat aber in Indien und Deutschland auch eine je eigene Entstehungsgeschichte:
in Deutschland verbindet sie sich stark mit der Ernüchterung der Nachkriegszeit,
in Indien mit dem allgemeinen Aufbruch seit der Unabhängigkeit des Landes. Die
kurze Erzählung war aber neben dem Epos, dem Roman und der Novelle unabhängig von
Stilepochen, etwa als Fabel oder Märchen, immer schon aktuell und in Tausendundeine
Nacht sogar lebenserhaltend, oder wie in „Unerhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter
Hebel und in „Die Ungezählte Geliebte“ von Heinrich Böll trotz ihrer scheinbaren Kürze
unvergessene Zeugen der Unsterblichkeit. Und im nochmaligen Rückgriff auf die vorliegende
Anthologie bleibt festzuhalten, dass auch ihre Autoren wie Nirmal Verma, Yashpal, Mamta
Kaliya, Mridula Garg oder Gitanjali Shree nicht nur wichtige Kurzgeschichtensammlungen
vorgelegt haben, sondern auch bedeutende Romane geschrieben haben und damit dem
Leser die Qual der Wahl zwischen den kurzen und langen Erzählformen und ihrer je eigenen
und nicht austauschbaren Bedeutung nicht ersparen. Letztlich wird auch in der Hindi-
Literatur nicht die Länge oder Kürze einer Erzählung, sondern ihre literarische Qualität und
Aussagekraft ihr Überleben und ihre Bedeutung neben dem Drama und der Lyrik innerhalb
der Gesamtliteratur bestimmen.
Vielleicht gibt uns die folgende Besprechung des Romans „Die Geschichte der Goldenen
Frauen“ von Jabber Md. Abdul in der deutschen Übersetzung von Inka Ibendahl eine
weitere Gelegenheit zur gattungsgeschichtlichen literarischen Reflexion. Wenn man diese
eher dünnbändige englischsprachige Erzählung aus Bangladesch mit ausladenden indischen
Romanen wie „A Suitable Boy“ von Vikram Seth, „Red Earth and Pouring Rain“ oder „Sacred
Games“ von Vikram Chandra, „Family Matters“ oder „A Fine Balance“ von Rohinton Mistry,
„Maximum City“ von Suketu Mehta, „Cuckold“ von Kiran Nagarkar oder selbst „Midnight’s
Children“ von Salman Rushdie vergleicht, glaubt man sich in einem anderen literarischen
Genre, obwohl Jabber Abdul’s überschaubare Geschichte(n) mit den erwähnten schier
endlosen Romanen die unverwechselbare indische Mischung aus sozialkritischen und
gesellschaftspolitischen Elementen und ihre enge Verquickung mit mythologischen bzw.
religiösen Grundvoraussetzungen gemeinsam haben. In Jabbar Abdul’s Erzählung haben
allerdings die Religionen nur mehr die Rolle einer hinderlichen Folie, die von den Protagonistinnen
kompromisslos zurückgewiesen wird, um eine radikal neue Gesellschaft zu er
möglichen, die keine Kasten mehr kennt, Kinder und Mütter schützt, die Ungerechtigkeiten
des Patriarchats abschafft, der Natur ihren Raum zurückgibt und mit sozialer Chancengleichheit
Hoffnung auf Zukunft gibt. Gattungsgeschichtlich kann diese literarische
Erzählform zwar als eine Art Roman durchgehen, sie trägt aber deutliche Züge von
Schreibformen, die wir von Streitschriften, utopischer und didaktischer Literatur her kennen.
4
Halten wir zunächst fest: Ort und Zeit der Handlung ist das heutige Bangladesch. Die
Personen der Handlung stehen eher für typisierte gesellschaftliche Rollen und Funktionen
als komplexe schicksalshafte Lebensläufe. Geben wir Beispiele.
Pearl und Hema Poddar vertreten die gute bürgerliche Mittelschicht, Shorola Roy und Hori
Roy sind ein Ehepaar der traditionellen und konservativen Dorfgemeinschaft, die nur in der
Geburt eines Sohnes das Heil sieht. Hari Narayan und seine Frau gehören einer niedrigen
Hindukaste der Fischer an, die wegen ihrer Kinderlosigkeit von der Gesellschaft ausgegrenzt
werden und das Dorf verlassen müssen. Narayan rettet den ausgesetzten Säugling Kali in
letzter Sekunde. Christopher und Tarina Gomez sind Christen und erfahren neben der Diskriminierung
ihrer dunkelhäutigen Tochter Maria gegenüber der hellhäutigen Nidra auch in
dieser Glaubensgemeinschaft die Verachtung der Töchter durch den Vater, der auch den
Typus des kriminellen Taugenichts repräsentiert. Mamun Bepari ist als Gewürzhändler
ebenso erfolgreich wie rücksichtslos und seine junge Frau Mala gebiert dem alten Mann eine
Tochter Tumpa, die zwar gründlich verwöhnt wird, aber über die gleichaltrige Maria und ihren
idealistischen Lehrer Hossein Talukdar doch noch den Weg zu Schule und Lernen findet. Mit
der Einführung des dreizehnjährigen Geshu Gullu und seiner Mutter Gullu, der Braut Rupban
und der Heiratsvermittlerin Buri Beti wird das Thema der traditionellen Heirat in allen ihren
absurden Aspekten beschrieben, vom Aberglauben, der bösen Schwiegermutter, übertriebenen
Mitgifterwartungen bis hin zu Intrigen der Schiegermutter, die mit Hilfe des unschuldigen
Rafijoor und der korrupten Verwaltungsräte Foontu Moontu und Joontu Moontu
schließlich zum vorgetäuschten Ehebruch und zur Scheidung führen. Ihre dunkelhäutige
Tochter Eva muss wie ehemals Kali ohne Mutter aufwachsen. Unweit von Evas und Kalis
Dorf wohnt der reiche Mann Mrida Mohapran, seine begabte Tochter Minerva lernt während
ihres Studiums den Studenten Modern Majhi kennen, der sie schwängert und sich ins
Ausland absetzt. Ihr Sohn Anno ist behindert und erlaubt dem Erzähler eine bittere Anklage
gegen den Umgang der Gesellschaft mit Abweichungen von der Norm. Hier schließt sich
langsam der Kreis, als sich die vier jungen Frauen Bishakha, Kali,Eva und Maria die wir als
Kinder kennengelernt haben, treffen und in langen Streitgesprächen mit einer Tante und den
wohlhabenden Mitstudenten Chandra Ray und Pony Progress über eigenständige
Frauenarbeit und unabhängige Lebensentscheidungen, ihre natürliche Einstellung zur Natur
und Offenheit für ihre Vielfalt und Schönheit, schlicht in allen wichtigen Fragen ihren eigenen,
vom männlichen Partner unabhängigen Weg finden und gehen werden.
Die offensichtlich didaktische Grundstruktur der Erzählung mit ihren Rollenzuteilungen wird
von Anfang an von einem anschaulichen, bilderreichen Stil und überrachenden sprachlichen
Formulierungen belebt, der die oft provokativ ernsten ethischen und sozialen Anliegen
durchwegs akzeptabel erscheinen lässt und die Lektüre oft genug zum Genuss machen.
So wird die kleine Bishakha Barua gleich zu Beginn im verzweifelten Kampf um einen
Stehplatz mit den Fahrgästen in den übervollen Bussen bei ihrem Zettelverteilen gezeigt und
plötzlich ausgerufen: „Welch eine Freude inmitten des Busses: Menschliche Körper,
ungeachtet ihres Geschlechtes, konnten sich berühren! Der alte, kleine Bus mit seinem
ausländischen Motor, der mit teurem Benzin fuhr, wagte es, sich gegen die strengen
religiösen Beschränkungen und sozialen Ordnungen dieser Gesellschaft zu stellen.“ Als
Maria Lesen und Schreiben lernt, „lächelt ihre Handschrift in schwarzer Tinte auf weißem
Papier wie Mona Lisa“ und sie erschauert vor Glück, als sie ein Buch bekommt: „Die
schwarzen Wörter und Sätze in ihrem Buch auf dem weißen Papier hatten ein wenig Farbe
von Maria geborgt, und nun hatte das Buch die Gelegenheit, ihr etwas zurück zu geben.“
5
Nach der Scheidung von Geshu Gullu bleibt Eva mutterlos zurück. „ Mit ihrem mörderischen
Gesichtsausdruck und ihrer Ruhe brannte sie das weit entfernte Haus des Ratsmitglieds der
Verwaltung nieder und sandte eine Botschaft an die Welt: Mögen nur die gedeihen, die
niemals eine Mutter und ihr Kind voneinander trennen. Möge jede Zivilisation zerstört
werden, deren Menschen ein Mutterherz falsch beurteilt haben!“ Kali und Eva waren arm und
hatten für Süssigkeiten kein Geld. „Wenn sie vom Spielen müde waren, schauten sie zum
Himmel. Sie bissen ein großes Stück einer Wolke ab und stillten so in Gedanken ihren
Appetit auf Eiscreme.“ Kali und Eva lernen aus trockenen Blättern Besen zu binden und der
Besen wird in ihrer Phantasie zum Kleid einer Ballerina. „Kali und Eva machten ihre eigene
Musik und tanzen ihren eigenen Tanz auf der größten Bühne der Welt; selbst die
talentierteste Ballerina hätte nur weinen können im Angesicht der Kunst von Kali und Eva,“
Minerva sagt über das schwere Los ihres behinderten Sohnes die bewegenden Worte: „Der
Stolz einer Mutter besteht darin, dass sie zwar weiß, dass ihr Kind ein leerer Garten ist, aber
dennoch nicht aufhört, von den grünen Bäumen und den zwitschernden Vögeln darin zu
träumen“. Sie wartet auf den Tag, an dem sie dem Ehemann, der sie in dieser Situation allein
gelassen hat, die Frage nach dem Warum stellen kann und wird ihm diese Frage „gleich
einem Pfeil in sein selbstsüchtiges Herz bohren.“ Am Ende ergreift der Erzähler selbst das
Wort und erläutert die Wichtigkeit von Träumen, ohne die das Leben „den großen Meereswogen
ähneln, die uns riesig erscheinen, aber ihre Existenz verlieren, sobald sie an die
Küste treffen.“ Für viele Menschen sind Träume „farbig, groß und blau, wie der blaueste,
unermessliche Himmel. Vielleicht werden ihre Träume in sengender Sonne oder durch Feuer
verbrannt, oder davon gespült an einen anderen Ort durch riesige Flutwellen, aber sie
verschwinden niemals ganz. Diese Menschen wissen immer, wo sie mit ihren Augen den
Leuchtturm suchen müssen. Sie sind wie Meeresküsten, verloren an die See bei Flut, aber
bestimmt dazu, bei Ebbe zu wachsen.“
In der Tat ein mächtiges Bild aus dem durch den Klimawandel von Überflutung bedrohten
Bangladesch, dessen Bewohner einer ihrer in Deutschland tätigen Söhne, der Filmregisseur
Shahin-Dill Riaz, in einem Dokumentarfilm „die glücklichsten Menschen der Erde“ genannt
hat, dessen Tochter, die Menschenrechtlerin Taslima Nasrim, in Skandinavien Asyl gefunden
hat und dessen ebenfalls in Deutschland ansässige Autor Jabber Md. Abdul seine Landsleute
hoffentlich auch bald nicht nur im Englischen und in deutscher Übersetzung, sondern
auch in einer der poetischsten Sprachen der Welt, dem Bengali, mit weiteren Geschichten
von Kindern, Frauen und Männern dieses Landes bereichern wird.


Dr. Georg Lechner- Indien-Institut München August 2011


 

DieHerausgeberinnen und der Herausgeber der Anthologie von Hindi-Kurzgeschichten Chili, Chai, Chapati, Frederike Grenner, Jürgen Neuß und Anna Petersdorf verbinden neben ihrem selbstverständlichen Anliegen, das deutsche Lesepublikum mit dem zeitgenössischen literarischen Schaffen auf dem indischen Subkontinent mit seinen nicht weniger als 24 Literatursprachen bekannt zu machen, noch das besondere Ziel, ihre Verbitterung darüber zu dokumentieren, dass „nach jahrelangem vergeblichen Kampf mit den verantwortlichen Entscheidungsträgern das indologische Institut der Freien Universität Berlin an planmäßiger Vernachlässigung und exzellenter Ignoranz verstirbt“. Folgerichtig beginnt das Buch mit einem Nachruf „ In memoriam Institut für die Sprachen und Kulturen Südasiens ehemals: Institut für Indische Philologie und Kunstgeschichte geb. 1963 - gest. 2012. Eine nachvollziehbare Empörung in Zeiten unverständlicher Mittelkürzungen und Institutsschließungen auch im universitären Bereich.
Der Titel der Anthologie „Chili, Chai, Chapati“ bemüht mit den „scharfen Chilischoten, dem süßen Tee und den frischen Brotfladen die Grundversorgung der indischen Bevölkerung“ und erhebt mit der Kurzgeschichtenauswahl den indirekten Anspruch, uns „mit dem unver- zichtbaren Minimum an bedeutender Hindi-Literatur zu versorgen“. Immerhin 18 Kurzgeschichten von 12 Autoren aus den letzten fünfzig Jahren, die von sieben Übersetzern aus dem Hindi direkt ins Deutsche übertragen wurden.
Thematisch sind zwar Geschichten wie „Echos“ und „An die Stadt“ mit ihrem tief greifenden Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Studienplatz im westlichen Ausland und der Sehnsucht nach der inneren Heimat Indien oder auch die Polarität zwischen dem natürlichen Lebensgefühl der Stammesangehörigen “Bichiya“ und den „zivilisierten“ Stadtbewohnern in der gleichnamigen Kurzgeschichte durchaus typisch für vergleichbare Entwicklungsländer wie Indien. Unverwechselbar indisch aber ist eigentlich nur die Eingangserzählung „Achteinhalb Millionen Wiedergeburten“ von Yashpal. Hier wird auf eindrucksvolle Art beschrieben, wie das universelle naturwissenschaftliche Gesetz von der Erhaltung der Energie und ihre tiefe philosophische Durchdringung in der indischen Lehre von Karma und Dharma im Wiedergeburtsglauben eines einfachen Mädchens namens Guro leibhaftige Gestalt annimmt. „Von ihrer Mutter war Guro strenggläubig erzogen worden. Als sie sich zu verschleiern begann, hatte sie die tausend Namen Vishnus auswendig gelernt. Voller Hingabe verehrte sie Brahma, Vishnu, Mahesh, Ram, Krishna, Hanumanji, die zehn Gurus und Pir Saluhi“. Einer Nachbarin gegenüber wiederholt sie die Belehrung durch ihre Schwiegermutter: „Schwester, du weißt doch: Wenn der Mensch stirbt, irrt seine Seele durch achteinhalb Millionen Wiedergeburten. Wer weiß, welchen Körper Gott ihm als nächsten gibt!“ Die Familientradition hegt den festen Glauben, dass die Großmutter in der Hündin Beni weiterlebt, die von allen deshalb getätschelt und verwöhnt wird; als sie läufig ist, schaut Dabbu, der größte Hund des Stadtviertels, vorbei und will seiner Mannespflicht nachkommen. Guro weiß zweifelsfrei, dass mit Dabbu Großvater Lalaji gekommen ist und Großmutter seine Liebe zollt. Die Geschichte erzählt überzeugend, wie sich in Indien philosophische Weisheit und Durchdringung im natürlichen Glauben des einfachen Volkes ausdrücken kann.
Ähnlich erfrischend wirkt das Dschungelmädchen Bichiya in der Kurzgeschichte von Ramkumar Bhramar, deren Anmut und Unbeschwertheit die Stadtfrauen in „ihren zugemauerten Gefängnissen“ komisch erscheinen lässt, da sie „von oben bis unten in einen einzigen Stoffschlauch eingezwängt„ sind und damit daran gehindert werden, den Rina des Gondstammes zu tanzen oder „schnell wie eine Gazelle zu laufen“.
Der allzu früh verstorbene Mohan Rakesh berührt uns mit der alltäglichen Geschichte „Das Mittagessen“, in der Balo die Liebe zu ihrem Mann, den Busfahrer Succasimh, einfach dadurch beweist, dass sie trotz sengender Hitze, Durst und Übermüdung, Beleidigungen und Beschimpfungen des gestressten Mannes wegen ihrer unverschuldeten Verspätung stundenlang mit dem gebrachten Essen ausharrt. Die Liebe geht hier sozusagen nicht durch den Magen, sondern das Feuer der unerträglichen Hitze. Die Nayi Kahani, die neue Erzählform der Hindi-Literatur, taucht dann eigentlich nur bei Mridula Garg in der Geschichte „Vom Gletscher“ deutlich auf.
Eine Frau, Mrs. Datta, sucht nach ihrer wechselnden Identität. „Vor zehn Jahren gab es diese Mrs. Datta noch nicht.“ Ihre verrückte Freundin Shyamla Puri wollte mit ihr Schafe züchten, jeden Morgen ein neues Lager errichten, immer weiterziehen, mit ihr ein neues Leben beginnen. So brach sie ihr Studium ab, als sie noch Usha Bhatnagar war, „ein gewöhnliches Mädchen, damit beschäftigt, Mrs. Datta zu werden. Nicht jedes Mädchen eignet sich dazu, farblich abgestimmt mit dem Sofa und dem Teppich im Halbdunkel hinter teuren Vorhängen zu leben.“ Nun erlebt sie zum ersten Mal den Gletscher. „Ich? Wer? Mrs. Datta? Du gehst zum Gletscher. Wer bist du? Wer? Ich. Mein Name. Usha, Mrs. Datta. Gletscher. Schnee. Shyamla: Schneeshyamla. Sonnenshyamla. U….sha…sha U….sha…“
Sie verliebt sich in den Bergführer, einen Paschtunen. „Die Jahre vergehen leise. Tag um Tag sammelt sich der Staub im Haus, in den Vorhängen und im Teppich von Mrs. Datta.“
In den anderen Kurzgeschichten halten sich thematische oder stilistische Überraschungen in Grenzen: Orientierungslosigkeit und Heimatverlust, Selbstentfaltung der Frau als Individuum, Generationen- und Familienkonflikt, die Gefühlswelt des Kindes, das sind internationale Erfahrungen der Moderne und können deshalb auch in der indischen Literatur von heute als Themen keineswegs fehlen.
Die Kurzgeschichte als moderne literarische Gattung ist zwar zum Teil amerikanischen Vorbildern geschuldet, hat aber in Indien und Deutschland auch eine je eigene Entstehungsgeschichte: in Deutschland verbindet sie sich stark mit der Ernüchterung der Nachkriegszeit, in Indien mit dem allgemeinen Aufbruch seit der Unabhängigkeit des Landes. Die kurze Erzählung war aber neben dem Epos, dem Roman und der Novelle unabhängig von Stilepochen, etwa als Fabel oder Märchen, immer schon aktuell und in Tausendundeine Nacht sogar lebenserhaltend, oder wie in „Unerhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter Hebel und in „Die Ungezählte Geliebte“ von Heinrich Böll trotz ihrer scheinbaren Kürze unvergessene Zeugen der Unsterblichkeit. Und im nochmaligen Rückgriff auf die vorliegende Anthologie bleibt festzuhalten, dass auch ihre Autoren wie Nirmal Verma, Yashpal, Mamta Kaliya, Mridula Garg oder Gitanjali Shree nicht nur wichtige Kurzgeschichtensammlungen vorgelegt haben, sondern auch bedeutende Romane geschrieben haben und damit dem Leser die Qual der Wahl zwischen den kurzen und langen Erzählformen und ihrer je eigenen und nicht austauschbaren Bedeutung nicht ersparen. Letztlich wird auch in der Hindi- Literatur nicht die Länge oder Kürze einer Erzählung, sondern ihre literarische Qualität und Aussagekraft ihr Überleben und ihre Bedeutung neben dem Drama und der Lyrik innerhalb der Gesamtliteratur bestimmen.
Indien-Instutut, Dr. Lechner

 


 

 


Ein ausführliches und kenntnisreiches Vorwort, sowie eine ganze Reihe zusätzlicher Informationen zur Aussprache indischer Begriffe, ein Quellenverzeichnis und Informationen zu den Autoren und Autorinnen, Herausgebern und Übersetzern umrahmen 18  neu übersetzte Kurzgeschichten aus Indien. Mit diesen hilfreichen Angaben und Erklärungen ist dieses Buch mehr als ein Geschichtenbuch, die Kurzgeschichten sind chronologisch geordnet und geben mit den Erläuterungen einen interessanten Einblick in indisches Literaturschaffen.

Die dickleibigen Romane aus Indien, die in Deutschland in den Buchhandlungen stehen, sind keineswegs typisch für indische Literatur. Sie sind durchgängig aus dem Englischen übersetzt und erwecken so den Eindruck, als sei Englisch die allgemeine Literatursprache Indiens. Dem ist nicht so, nur bleibt uns Europäern die Literatur in den indischen Nationalsprachen bis auf wenige Ausnahmen verschlossen. Dabei wird in den 24 anerkannten Nationalsprachen Indiens viel mehr geschrieben als in Englisch, die Literaturszene ist lebendig und vielseitig, besonders beliebt sind Lyrik und Kurzgeschichten, weniger umfangreiche Romane. Mit mindestens 300 Millionen Muttersprachlern ist Hindi eine der meistgesprochenen Sprachen der Welt, 18 Kurzgeschichten aus dem Hindi übersetzt geben hier einen Einblick in das Literaturschaffen in dieser Sprache.

Chili, Chai, Chapati sind die essentiellen Bestandteile eines typischen nordindischen Essens (Gewürz, Tee, Brotfladen) und stehen hier als Synonym für die Grundlagen der Hindi-Literatur. Zeitlich ist der Bogen ab den 60er Jahren bis in die jüngste Gegenwart gespannt und besonders häufig kommen Schriftstellerinnen zu Wort.

Natürlich sind die Geschichten in ihren jeweiligen kulturellen Rahmen gesetzt, aber hinter dem eher oberflächlichen Fremden kommen allgemeingültige Themen zum Tragen, da geht es um Einsamkeit und Entfremdung, das Gefühl, dass das eigene Leben verrinnt, ohne irgendeine Besonderheit aufzuweisen. Thema ist auch das Ringen um Anerkennung, um die Gleichwertigkeit der Frau, die Suche nach Gerechtigkeit und – natürlich auch – nach Liebe und es geht auch um Anstand und Verständnis.

Die indische Realität findet der Leser in diesen ausgewählten Geschichten, übersetzt aus dem Hindi, viel eher und viel einfühlsamer erklärt als in den bunten, bollywood- und masalalastigen Taschenbüchern in den Buchhandlungen. Die drei Herausgeber und Herausgeberinnen haben Indologie studiert und sie sprechen alle drei Hindi. Die Übersetzer und Übersetzerinnen der Geschichten, es sind insgesamt acht, kommen ebenfalls alle aus dem universitären Bereich. Die Auswahl der Geschichten beweist fundierte Kenntnisse der Hindi-Literatur.

Fazit

18 ausgewählte Kurzgeschichten von bekannten und weniger bekannten in Hindi schreibenden Autoren und Autorinnen schildern eindrücklich die vielfältigen Lebensrealitäten der indischen Bevölkerung, ihre Sehnsüchte und Ängste, ihr Aufbegehren und ihre Resignation. Ein kurzweiliger Einstieg in die indische Realität.

Rezension.org

1.8.2011

 
< zurück   weiter >
   
   

(c) 2006 kitab Verlag