Beksultanow Musa: Sie kamen bei Tagesanbruch

Beksultanow Musa: Sie kamen bei TagesanbruchPackende Milieuschilderung aus Tschetschenien. Im Korsett archaischer Sitten 176 Seiten, 2015
 
Art.Nr.:258
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Russische Soldaten schleppen bei Tagesanbruch aus einem Haus „den Feind“ mit vulgären Schimpfworten ab, Barbaren dringen in die tschetschenische Kulturwelt ein, in der der Vater seinen Sohn erzieht: Sei Sklave Deines Hauses, damit es fürstlich aussieht. Das Haus ist ein heiliger Ort, Gäste werden reichlich bewirtet, während der Hausherr das philosophische Wort führt, egal, ob Krieg ist. Der hiesige Macho hat nur dann eine gute Gattin, wenn sie den Gästen aufs angenehmste dient. Das dient wiederum seiner Ehre. Was es bedeutet, auf Tschetschenisch zu denken, zu handeln, wie aufgeblasen der Gang des Mannes und wie stolz der Blick der Frau, wie gezähmt Wut und Liebe sein sollen, in welcher Lage es sich gehört zu widersprechen und wann zu schweigen, wohin sich der Gast an den Tisch setzen und unter welchen Umständen der Mann töten darf, was Schande ist, die auch die Nachkommen trifft – all das ist festgelegt. Eingezwängt ins Sittenkorsett, das moralischen Halt geben soll, sucht sich die eigene Individualität ihren Raum. Wer „untschetschenisch“ ist, wird nicht respektiert.

Dieses archaische Lebensgefühl vermittelt der Erzählband des tschetschenischen Schriftstellers Musa Beksultanow, der trotz der Diktatur in Grosny lebt und in seiner kaukasischen Muttersprache schreibt. Während diese Innensicht im kleinen österreichischen Verlag Kitab erscheint, bringt Suhrkamp den preisgekrönten Wälzer „Die niedrigen Himmel“ des jungen Amerikaners Anthony Marra heraus, der seine Kriegsphantasien nach Tschetschenien verlegt und seine Dialoge ohne Kenntnis des Sittenkodexes konstruiert. Dabei müssen die entsprechenden Worte behutsam gewählt werden, sie können Achtung oder Blutrache bringen. Beksultanow ist kein Modernisierer seines Volkes, sondern Bewahrer der Tradition. In seine wie aus der Zeit gefallenen Erzählungen bricht der Tod ein. Kaum war der Band auf Deutsch erschienen, starb in Zürich seine Übersetzerin Marianne Herold.

Irena Brežná

Bei Kitab erschienen von Beksultanow:

Ferne Gestade des Lebens. Erzählungen und Novellen aus Tschetschenien, 2010

Der Weg zurück zum Anfang: Erzählungen, Novellen Gedichte, 2012

Beiträge in: Erzählungen aus Tschetschenien, 2006