Pahor Boris: Blumen für einen Aussätzigen

Pahor Boris: Blumen für einen AussätzigenSlowenische Novellen aus Triest
 
Art.Nr.:164
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Der Appellplatz in Dachau gleicht einem zerbombten weiten Zigeunerlager. Wir müssen uns ausziehen, wir stehen nackt da, in den Strohsäcken auf dem Boden sind die waagrechten Glieder. Auf dem großen Platz liegen Holzlöffel und Holzschuhe und haufenweise Lumpen herum. Dürre Körper stehen auf aus den Lumpen, ihre schuppige Haut ist von den strichähnlichen hölzernen Rippen darunter gezeichnet. Aber auch leere Strohsäcke mit dem Eiter und Horn der Körper, die man schon davongetragen hat. Liegestätte zeitgenössischer Jobgestalten unter der bayerischen Sonne. Ein enormer Abfallplatz voll Körper und Unrat, mit weißen Bändern aus Papierverbänden umschlungen, wie mit den Spuren der unwählerischen und unerbittlichen Parze.
Eine lange Reihe von Körpern liegt schon entlang der Baracke neben dem Sezierraum, wo der Arzt mit Gummihandschuhen seine überflüssige Rolle schon ausgespielt hat. Die Körper haben alle einen dicken Zopf, vom Kinn bis zum Schritt geflochten. Sie lieben alle auf dem Rücken und sind wie Skelette, nur einer ist aufgedunsen und ganz blass.
"Dein Kamerad", sagt der Norwegerjunge, als ich vor Romaz anhalte.

 

In seinen slowenischen Novellen aus Triest schildert Boris Pahor vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse vom Ende des 1. Weltkrieges bis zur Gegenwart das Schicksal seiner Landsleute. Hier ist die Rede von einem Bäckerjungen vom Karst, der Selbstmord beging, von einem Chorleiter, der von den Faschisten gezwungen wurde, Motoröl zu trinken und dessen Grab mit Blumen gedeckt wurde, von einem KZ Häftling aus Triest, den der Erzähler im KZ in den Vogesen traf, und der ihn in ungebrochenen Optimismus zu einem Treffen in der Heimat aufforderte, den er aber dann im KZ Dachau tot in der Sezierhalle fand. Alle diese tragischen Helden Pahors waren einfache Leute aus der slowenischen Minderheit, deren Schicksal der Dichter vor dem Vergessen bewahren wollte. Die Erzählungen werden getragen von einem pessimistischen Humanismus. Die Geschichte ist über diese Opfer hinweggegangen. Triest, die geliebte Heimat hat die frühere Stellung als kosmopolitische Drehscheibe am Schnittpunkt dreier Kulturen verloren. Die Kritik an dem ungesühnten Geschehen ist jedoch von einem versöhnlichen Unterton getragen, der auch den Nachkommen der Henker die Hand zur Versöhnung bietet.


Am vergangenen Dienstag gab es im bis auf den letzten Platz besetzten Literarischen Quartier eine denkwürdige Lesung mit dem 92-jährigen slowenisch-triestiner Schriftsteller Boris Pahor. Wie unabdingbar Literatur als Emanzipations- und Überlebensmittel sein kann, machen die Erzählungen Pahors aus 40 Jahren, die der Klagenfurter Kitab-Verlag in deutscher Übersetzung neu herausgebracht hat, von neuem anschaulich. Die Unterdrückung und Verfolgung der slowenischen Bevölkerung durch den italienischen Faschismus, die Menschenvernichtung im Lagersystem des deutschen Nationalsozialismus, das auch wegen der ungesühnten Missetaten der italienischen Potentaten labil gebliebene Zusammenleben nach dem Krieg in Triest sind die drei großen Themenkomplexe dieser Auswahl von Erzählungen. Welche Leidenschaften auch die das Gespräch und die Interpretation literarischer Arbeiten auslösen können, war in der anschließenden Diskussion mit ihren in der Übereinstimmung und in der Divergenz gleichermaßen vehementen Beiträgen des gemischt slowenisch-deutschsprachigen Publikums zu erleben. Der in Wien lebende slowenische Schriftsteller und Zeitschriftenherausgeber ("Log") Lev Detela als Gesprächspartner und Interpret Pahors, sowie der vormalige Abgeordnete zum Nationalrat und Mitbegründer der Zeitschrift "Mladje", Karel Smolle, der spontan die Rolle eines Konsekutivdolmetschs übernommen hat, haben besondere Akzente in diesem bewegten, umfassenden Gespräch mit und um Boris Pahor gesetzt. Nicht nur die Kraft des literarischen Wortes und seine aufklärende Macht haben das gesamte Auditorium ergriffen, sondern auch eine trotz allen Eifers, trotz aller Ernsthaftigkeit der von Pahor behandelten Themen freundliche Heiterkeit, die der rüstige und wache Autor ausstrahlt. Da die Redaktionen der aktuellen Medienberichterstattung in Wien ein interessiertes Publikum über solche Ereignisse zu informieren nicht gewillt sind, soll Sie zumindest auf diesem Weg kurze Nachricht von diesem wahrhaftigen und herrlichen Erlebnis erreichen. Hinweisen möchte ich Sie in diesem Zusammenhang auf das feinnervige Portrait Boris Pahors, das der bekannte slowenische Schriftsteller Drago Jancar verfasst und das "Die Furche" in ihrer Nr. 3 vom 20.1. 2005 abgedruckt hat, die Triestiner Novellen Pahors "Blumen für einen Aussätzigen" sind im Klagenfurter Kitab-Verlag erschienen, der Roman "Nekropolis" im Berlin Verlag, der Roman "Kampf mit dem Frühling" bei Klett-Cotta, alle im Buchhandel erhältlich.

Kurt Neumann, Literar. Ermunterungsbrief der „Alten Schmiede“ vom 27.1.2005


Sein Roman „Nekropolis“ war 2001 im Deutschen eine späte, sensationelle Entdeckung. Boris Pahor, 1913 in der slowenischen Minderheit von triest geboren, erzählt darin mit überwältigender Nüchternheit sein Überleben in fünf Konzentrationslagern. In seinem neuen Erzählband „Blumen für einen Aussätzigen“ wird nun deutlich, dass Pahor neben dem Holocaust noch eine zweite Lebenswunde hat: die Verfolgung der Slowenen in Triest und die Zerstörung ihrer Kultur durch die italienischen Faschisten. In dieser Sammlung erzählt er auch davon, vor allem mit dem Blick des Kindes, das er damals war, als faschistische Schläger die Slowenen terrorisierten und ihr Triester Kulturhaus in Brand steckten, noch bevor Mussolini an die Macht kam. Feindseligkeit gegen seine sprachliche Minorität konstatiert der Autor selbst noch in der Gegenwart, in einer späten Erzählung von 1984. …Hervorragend …ist Pahor in jenen Erzählungen über sein größeres Schreckensthema, seine Zeit als KZ-Häftling, etwa in „Die Adresse auf dem Brett“. Hier lässt er noch einmal die „Internationale der Verdammten“ auftreten.

Franz Hass in Neue Züricher Zeitung 2005

 

Die literarische Botschaft Boris Pahors ist von einem versöhnlichen Unterton getragen. Der Leser erlebt die Stadt Triest nicht nur im Negativen der nicht so weit entfernten Zeitereignisse, sondern zugleich auch inmitten plastisch geschilderter Triester Landschaft mit ihren Straßen, dem blauen Meer und der meisterhaft lyrisch und poetisch geschilderten Natur. Er teilt uns trotz seiner kritischen Sicht die ganze Frische und Freude seiner Vision in ein sinnvolles, humanes Leben mit, das durch das persönliche Wollen erfüllbar und möglich sei. … Sogar angesichts des Todes bejaht auch Boris Pahor aus eigener Erfahrung heraus das Leben und die menschliche Solidarität – über alle Grenzen hinweg.
Lev Detela In: Log 105/106, 2005

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NZZ

Anzeiger Mai 2005