Wall Richard: Kleines Gepäck. Aus einem anderen Europa

Wall Richard: Kleines Gepäck. Aus einem anderen EuropaISBN 978-3-902878-069, 2013, 278 S., Hartvover, 19,-
 
Art.Nr.:205
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Die Reise-Notate des Graphikers Richard Wall versammeln Texte, die sich im Verlaufe der Jahre ergeben haben. Es schließt an das 1996 erschienene Buch „Steine Spuren Labyrinthe“ an. Die Vielfalt der Themen entspricht der Vielseitigkeit des Autors. Die Texte entstanden während oder nach den Reisen, sind aber auch Beobachtungen oder Begegnungen geschuldet, die gleichsam vor der Haustüre stattgefunden haben. Das Bemerkenswerte ist keine Frage der Distanz oder Nähe. Wall geht es (auf der Suche nach Wahrheit?) um Wahrnehmung, um ein Aufbegehren gegen eine zunehmende Oberflächlichkeit und Beschleunigung, die keinen Freiraum lässt für Reflexionen. Das Unüberschaubare ist zu sichten. Der Zugang zur Welt über den Sinn unserer Sinne, über Schrift und Bild, muss immer wieder freigeräumt werden. Ihm ist es aber auch ein Bedürfnis, an Verstorbene zu erinnern, die im weitesten Sinne – mit ihrer Haltung und/oder ihrem Werk – Gefährten hätten sein können, Weggenossen. Wall erzählt und verknüpft das Erlebte mit dem unsichtbaren Dahinter; Vergangenes und Gegenwärtiges werden eins in einem Bewusstsein, das das Geschaute mit dem Gelesenen assoziiert, die Erzählungen von Menschen mit dem Erlebten überprüft.

Richard Wall, geb. 1953; lebt im Mühl- & Waldviertel. Ausstellungen seit 1981. Seit 1975 Aufenthalte in Irland. Veröffentlichungen der Bilder & Texte seit 1980 in Anthologien, Kultur- & Literaturzeitschriften. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Wittgenstein in Irland (1999, engl. 2000); Am Rande, Gedichte (2006); Unter Orions Lidern, Gedichte (2009); Connemara. Im Kreis der Winde, Prosa, mit Fotografien des Autors, Mitter Verlag, Wels 2011; Irgendetwas zieht immer weitere Kreise/Bukolische Prosa, Erlangen 2011; Gehen gegen den Wind, Gedichte, Wien 2011.

Bei Kitab erschienen: Rom. Ein Palimpsest (2006)

Aus: Auf Spurensuche in Pula

Schwerlich findet man in Europa eine zweite Landschaft wie diese Halbinsel Istrien zwischen Meer und Karst, die so viele Kriege, Verwüstungen, Plünderungen und so viel Sterben über sich ergehen lassen, durchleiden musste. Kriege und Epidemien wechselten einander ab oder liefen parallel. Als Marketenderin ritt die Pest übers roterdige Land und mähte mit scharfer Sense. Der Danse macabre erfasste alle gesellschaftlichen Schichten, konzentriert und bildhaft symbolisiert in den Totentanzfresken von Beram und Hrastovlje. Die Meister Ivan und Vincent aus Kastav kannten damals, im Spätmittelalter, ohne zur Vivisektion schreiten zu müssen, den Knochenbau des Menschen. Die Gerippe wirken sehr lebendig, haben Volumen und tanzen, ein grausames Lachen liegt in ihrer Schädelknochenphysiognomie, während jene, die abgeholt werden, schüchtern und eingeengt mitziehen müssen: Kind, Mann, Frau, Priester, Nonne, Kardinal, König und Papst. Wir haben diese Reigen gesehen, in Beram gemeinsam mit Franzosen, Russen und Deutschen, allesamt Angehörige von Nationen mit ausgeprägter Totentanz-Erfahrung. Wir haben diese alten, wieder freigelegten Bilder gesehen und ihre Bedeutung für die Gegenwart erkannt. Gemalt in Zeiten der Pest, der Kriege, der täglichen Ungewissheit haben sie uns begleitet bis zum südlichsten Punkt unserer Reise, bis nach Pula.