Pollanz Wolfgang: Das Seufzen meiner Mutter

Pollanz Wolfgang: Das Seufzen meiner Mutter
 
Art.Nr.:212
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„Ich neige zu Zyklen, zu geschlossenen Systemen. Der Zustand des Vorläufigen, Fragmentarischen ist mir ein Gräuel“, schrieb Pollanz vor Jahren in einer autobiographischen Notiz. Ein Zyklus von Erzählungen war schon sein 2003 bei Kitab erschienenes Buch „Die Autos meines Vaters“, und auch sein vorliegendes neues Buch ist ein Zyklus, doch bildet es keineswegs ein geschlossenes System: Jede der sechs Geschichten, die es enthält, kann für sich selbst stehen und unabhängig von den anderen gelesen werden; jede hat ihr eigenes Personal und ihre eigenen Schauplätze. Es gibt keine einzige Figur, die den Leser, die Leserin durch alle Geschichten begleiten und diese zu Episoden einer großen Erzählung verknüpfen würde. Der Autor beginnt stets von vorn, er kehrt immer wieder zum Ausgangspunkt zurück und lässt dort eine neue Figur – und mit ihr eine neue Geschichte – auf die Welt kommen. Verschiedene österreichische Lebensläufe sind es, die er hier nachzeichnet. Wenn sich diese sechs Lebensläufe auch an keiner Stelle unmittelbar berühren, haben sie dennoch vieles gemeinsam: bestimmte Zeitstimmungen und Atmosphären, die sie einfangen, bestimmte Archetypen aus der österreichischen Provinz, die inzwischen beinahe schon zu Klischees erstarrt, nichtsdestoweniger aber am Leben geblieben sind. Erzählt wird ausschließlich aus der Perspektive der Figuren, in Ich-Form, das Erzählte wird dadurch ganz unmittelbar, unzensiert und mit allen Befangenheiten des Erzählers vor die Leser hingestellt. Pollanz kommentiert nicht, er psychologisiert  auch nicht; vielmehr begnügt er sich damit, seine Stimme den unterschiedlichsten Menschen zu leihen und sie so zum Sprechen zu bringen: etwa den ledigen Sohn einer zu manischer Bigotterie neigenden dahinwelkenden Dorfschönheit, der auf einer Wallfahrt nach Italien seine Unschuld verliert, oder den Sohn eines Handlungsreisenden mit Nazivergangenheit oder das hochbegabte und übersensible Kind eines Lehrerehepaares, das seine Erziehung ganz den Thesen von Jean Piaget anpasst. Es sind ebenso skurrile wie tragische Menschen, die auf höchst unterschiedliche Weise scheitern, allesamt Angehörige einer Generation, die von Anfang an mit dem notorischen Schweigen der Eltern und mit Verbotstafeln und Tabuzonen aller Art konfrontiert war. Was  Pollanz, der geschickt und voll Ironie gängige Erinnerungsorte aufsucht, mit diesem neuen Erzählzyklus auf überzeugende Weise versucht, ist eine Geschichtsschreibung „von unten“, aus der Perspektive derer, die niemals in das Blickfeld offizieller Geschichtsschreibung geraten.   C. T