Baum Wilhelm: Paris und die Kultur der Moderne in Österreich

Baum Wilhelm: Paris und die Kultur der Moderne in ÖsterreichÖsterreichisch-französische Kulturbeziehungen 1880-1970
 
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Paris war im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert das wichtigste Zentrum der europäischen Kultur. Noch vor Ausbruch der Revolution kamen durch die Ehe von Maria Theresias Tochter Maria Antoinette – der Stefan Zweig eine große Biografie widmete –  Österreicher nach Paris; 1778 war auch Mozart hier zu Gast. Besonders im Bereich der Kunst war Paris seit den Anfängen der Malerei des Impressionismus eine entscheidende Stätte der Begegnung und der Aufnahme neuer Impulse für Künstler, die aus ganz Europa nach Paris kamen. 1852 reiste der Wiener Maler August von Pettenkofen nach Paris, um hier die Schule der Maler von Barbizon kennen zu lernen; er kehrte mehrmals nach Paris zurück und porträtierte auch die Kaiserin Eugenie, die Frau Napoleons III.  Sein Kollege Eugen Jettel reiste 1870 nach Paris, wo er von 1874 bis 1898 lebte. Nach dem Krieg von 1870/71 entstanden auf dem Montmartre am Rand von Paris neue Künstlerkolonien.

Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurde die Republik wiedererrichtet; Paris blieb daher der Fluchtpunkt für intellektuelle Emigranten, der es schon seit den Zeiten des Aufenthaltes von Heinrich Heine und Karl Marx war. Zu den frühen Besuchern von Paris im 19. Jahrhundert, der 1936 in der Ära des Bürgerkönigs Louis Philippe nach Paris kam und sogar die Deputiertenkammer besuchte. Er bezeichnete den König als „erzgescheiten Mann“; „…ich habe ihn vom ersten Augenblick an dafür gehalten, und sehe hier nichts, was mich meine gute Meinung zurücknehmen ließe“. Österreich wurde schon unter Napoleon III. – der zunächst die Einigung Italiens unter Cavour gegen Österreich unterstützt hatte – als Bollwerk gegen den preußisch-deutschen Aufstieg betrachtet, was sich nach der Schlacht bei Königgrätz in dem Slogan „Rache für Sadowa“ niederschlug.  An der Weltausstellung in Paris 1867 nahm auch Österreich teil; Johann Strauss begeisterte mit seinen Walzerklängen alle Teile der Bevölkerung. Eine Anlehnung Österreichs an Frankreich wurde in Wien zunächst von Moritz Szeps vertreten, dem Journalisten und Herausgeber des „Neuen Wiener Tagblattes“ und Freund der französischen Politiker Gambetta und Clémenceau. Für Frankreich war es wichtig, dass es zu keiner „großdeutschen“ Lösung der deutschen Frage kaum – eine Politik, die bis zum letzten Staatsbesuch Mitterands in der „DDR“ beibehalten wurde. Österreich-Ungarn schloss jedoch 1879 den Zweibund mit dem Deutschen Reich unter Otto von Bismarck, der schließlich durch den Beitritt Italiens (1882) zum „Dreibund“ erweitert wurde, der bis zum 1. Weltkrieg bestand. In der österreichischen Politik spielte vor allem das bürgerlich-liberale Lager und die slawischen Gruppen eine Rolle; erst durch die allmähliche Demokratisierung gewannen die sozialistische und die christlichsoziale Bewegung gegen die Jahrhundertwende mehr Einfluss. In dieser Ära des „Fortwurstelns“ in der Politik nach dem „Ausgleich“ mit Ungarn (1867) vollzog sich eine gewisse Transformation der urbanen Kultur: die Millionenstadt Wien erlebte die Modernisierung durch den Bau der Ringstraße, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Schaffung der modernen städtischen Infrastruktur, Einführung von Elektrizität, Telefon und  Telegrafie und Verselbständigung des kulturellen Lebens durch die „Sezession“. Die Stadt Wien unter Bürgermeister Lueger wurde eine Art Gegenpol zum Hof, an dem auch weiterhin in erster Linie der Adel vertreten war. Die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung durch das Bildungssystem und wirtschaftlichen Aufschwung führte zur gesellschaftlichen Anerkennung; Persönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Stefan Zweig usw. entstammten dem emanzipierten Bürgertum aus Bildungseliten und reich gewordenen Geschäftsleuten. Am Hof und im Militär dominierten zwar nach wie vor der Adel und die traditionellen Bildungseliten, an der Universität, in der Medizin, im Pressewesen und im Kulturbereich boten sich auch bürgerlichen und jüdischen Kreisen vielfache Entfaltungsmöglichkeiten.

Die Zeitung des liberalen jüdischen Journalisten Szeps war auch das Sprachrohr des Kronprinzen Rudolf, der jedoch nur geringen Einfluss auf die österreichische Politik hatte. Bei seinem Besuch in Paris im Mai 1880 wurde Moritz Szeps von seiner 16jährigen Tochter Berta begleitet; ein halbes Jahrhundert lang sollte Berta Zuckerkandl bei den Kontakten zwischen österreichischen und französischen Intellektuellen und Künstlern eine zentrale Rolle spielen.[1] Szeps traf Gambetta im Palais Bourbon, der Deputiertenkammer, und begegnete erstmals dem Armenarzt Georges Clémenceau; in der Beurteilung der Politik Bismarcks stimmten beide überein; in dieser Zeit lernte Berta Jacques Offenbach kennen. 1881 erlebte Szeps in Paris bei einem weiteren Besuch die Wahl Gambettas zum Ministerpräsidenten, aber dessen überraschender Tod zerstörte vorerst 1882 seine weiteren Pläne einer Annäherung Österreichs an Frankreich. Die offen kundige Sympathie des Zeitungsherausgebers für Gambetta führte dazu, dass die Regierung Taafe in Wien veranlasste, dass das „Neue Wiener Tagblatt“ fortan nicht mehr in den Trafiken verkauft werden durfte – dies war der Anfang vom Ende der Zeitungskarriere von Szeps; die Aktion selbst war für die „Liberalen“ mehr als außergewöhnlich.

1883 kam Clémenceau erstmals nach Wien; er kam zu Szeps und lernte auch dessen Töchter Sophie und Berta kennen. Er besuchte die Familie am Semmering und verbrachte mehrere Abende im Hause Szeps und ging mit den Angehörigen ins Theater. Im Mai 1885 traf sich Clémenceau mit Szeps und seiner Tochter Berta in Zürich, um zu erkunden, wie sich Österreich im Fall eines Präventivkriegs Bismarcks gegen Frankreich verhalten werde. Bei einem Besuch von Moritz Szeps und der mittlerweile mit dem Arzt Emil Zuckerkandl verlobten Berta in Paris kam es im Herbst 1885 zu weiteren Kontakten mit der links-republikanischen Prominenz aus dem Kulturleben. Bei Bertas Hochzeit im April 1886 war auch Georges Bruder Paul anwesend, der sich bald mit ihrer Schwester Sophie verloben und sie im Dezember 1886 in Anwesenheit von Georges in Wien heiraten sollte. Dabei scheint es auch zu einem nächtlichen Geheimgespräch zwischen Kronprinz Rudolf, Clémenceau und Szeps über die politische Lage gekommen zu sein. Die Verbindung Bertas zum Kreis um Clemenceau wurde für Jahrzehnte für Österreich politisch bedeutsam; Berta Zuckerkandl verfügte zeitweise über bessere Informationen über die Pariser Verhältnisse als das österreichische Außenamt. In Bertas Haus in der Nusswaldgasse verkehrten neben Johann Strauß und Arthur Schnitzler auch der junge Schriftsteller Hermann Bahr, der sich dafür einsetzte, dass Schnitzlers „Liebelei“ am Burgtheater aufgeführt wurde. Als Sophie der Schwester 1894 aus Paris berichtet, sie habe Marcel Proust gesprochen, beschrieb Berta ihre erste Bekanntschaft mit Arthur Schnitzler.[2]

Paris war im 19. Jahrhundert das Zentrum der modernen Malerei und der größte Kunstmarkt der Welt, an dem auch ausländische Künstler teilhatten. Zahlreiche österreichische Künstler und Literaten kamen seit 1880 nach Paris, um sich hier mit neuen Ideen auseinander zu setzen. 1888 sah der Wiener Maler Josef Engelhart auf der Internationalen Kunstausstellung in Wien erstmals Bilder der impressionistischen Maler; im Jahr drauf besuchte er Paris und mehrte mit dem festen  Vorsatz zurück, „einige Jahre dort zuzubringen“.[3] Josef Engelhart kehrte schon im Jahr darauf nach Paris zurück, wo er bis September 1892 blieb, Bilder wie „Maskenball“, „Pariser Cafe“ und „Szene am frühen Morgen nach ein er Pariser Ballnacht“ malte. Auf dem Montmartre traf er den Wiener Maler Eugen Jettel, der für den Kunsthändler Charles Sedelmayer in Paris arbeitete und lernte den Maler Toulouse-Lautrec und den Karikaturisten Léandre kennen, den er später für eine Beteiligung an einer Ausstellung in Wien gewinnen konnte.[4] Engelhart traf jeden Mittwoch mit Toulouse-Lautrec zusammen.

Zu den österreichischen Malern in Paris gehörte der aus Tirol stammende Maler Theodor von Hörmann, der 1873 auf der Wiener Weltausstellung erstmals mit der Schule von Barbizon konfrontiert wurde, später dem Hagenbund beitrat, 1886-1889 nach seiner ersten Frankreichreise bei Raphael Collins in Paris studierte und 1889 die „Landschaft bei Paris“ malte. 1877 wurden im Wiener Künstlerhaus erstmals 5 Grafiken von Claude Monet ausgestellt. Der Landschaftsmaler erhielt 1889 bei der Weltausstellung in Paris für sein Bild „Mondnacht im Dorf Samois“ einen Preis; in Wien gehörte er zur Opposition der jungen Künstler; im Künstlerhaus in Wien hatte er mit seinen Pleinair-Bildern keinen Erfolg. 1881 kam auch der Wiener Landschaftsmaler Emil Jakob Schindler nach Paris.

Zu den frühen österreichischen Malern gehört der spätere Sezessionist Felician Myrbach, der sich von 1881-1894 und von 1905-1914 in Paris aufhielt. Auch die Maler Artur Nikodem, Max Kurzweil und Ludwig Ferdinand Graf besuchten Paris und setzten sich mit der neuen Malerei auseinander; kein österreichischer Künstler kannte jedoch Cézanne persönlich. Graf studierte an der „Académie Julian“ in Paris und präsentierte 1902 in Wien seinen „französischen Stil“ im Hagenbund. Die 1898 gegründete „Wiener Sezession“ suchte von Anfang an den Kontakt mit der Malerei in Paris.



[1] Lucian O. Meysels: In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit, Wien-München 1984, 19ff.

[2] Bertha Zuckerkandl: Österreich intim. Erinnerungen 1892-1942, Wien 1981, 24f.

[3] Josef Engelhart: Ein Wiener Maler erzählt. Mein Leben und meine Modelle, Wien 1943, 36.

[4] Matthias Boeckl: Durch das Andere zum Eigenen. Zur Rezeptionsgeschichte der Moderne Frankreichs in Österreich, in: Wien-Paris. Van Gogh, Cézanne und Österreichs Moderne 1880-1960, hrsg. v. Agnes Husslein-Arco, Wien 2007, 23-37, hier 26.