Pahor Boris: Die Geschichte vom Fluss, der Krypta und der höflichen Taube

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Dieser späte Roman Boris Pahors erzählt in Fortsetzung der in der „Wiege der Welt“ begonnenen Beziehungsgeschichte zwischen dem alternden einst in den französischen Vogesen internierten slowenischen KZ-Häftlings und Duineser Schriftstellers Igor Sevken und der aus einem Vogesendorf stammenden und in früher Jugend von ihrem eigenen Vater missbrauchten Lucie die weitere Entwicklung der Beziehung und auch die Irrungen dieser wegen der Vergangenheit schmerzhaften Liebe. Symbole stehen für den Fortgang der Entwicklung: Der Fluss, die Seine in Paris, für den unabwendbaren Wandel, die Krypta als Sinnbild des unermesslichen Leids der in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern und im Krieg umgekommenen Menschen, die verliebte Taube als Abbild des innigen Verhältnisses der beiden Protagonisten.

Dann ging er nicht dem Ausgang zu, sondern blieb an der Seitenmauer stehen, unter der in einem breiten Flussarm die Seine dahinströmte. Er tat es wegen der jungen Ente, die auf der Mauer neugierig um sich blickte, als würde sie eine morgendliche Bewirtung erwarten, während unweit davon eine Täuberich seiner Auserwählten den Hof machte. Zehn Schritte vom Memorial, dem Symbol der Vernichtung, so überlegte er, gibt es neben dem eiligen Wasser, dem Symbol ewigen Wechsels alles Seienden, auch noch den Pulsschlag der Liebe, das Sinnbild für die Schönheit des Schöpferischen. Und es war ihm nicht danach, sich zu bewegen und weiterzugehen. Er fühlte sich zwischen zwei Spannungsfeldern und war doch gleichzeitig auch in Verlegenheit, weil er fühlte, wie sehr er von einem Liebesgefühl durchströmt war. Es war dies der Hauptsinn seines Lebens. Und dies, das wusste er von allem Anfang an nach seiner Rückkehr von dort, als ihn Magda aus einer tiefen, langandauernden todesähnlichen Starre erweckt hatte. Und dann durch alle Versuche und Irrungen bis zum Finden Tatjanas und bis zu Lucie, bis zu jener Verschmelzung, die nun alle wichtigen Elemente des Einklangs in sich vereint.

Lucie, wiederholte er; es habe nur wenig gefehlt, und sie wäre ihm entschwunden, und es sei eine wahrhafte Gnade, dass sie nun so ursprünglich bei ihm sei. Er wird ihr von der strömenden Seine erzählen müssen, von der neugierigen jungen Ente, für die er gerne eine Brotrinde in seiner Tasche gehabt hätte, ganz besonders aber von der galanten Taube, die völlig kopflos vor Begierde gewesen sei. Aber als er in dieser Weise die sich ihm bietenden Bilder in sich aufnahm, war er sich bewusst, wie angemessen es gewesen wäre, mit jenem Besuch der verschlossenen Krypta und dem Stillleben auf der Wehrmauer ihre beiden in der Vergangenheit so dunklen Schicksale mit der jetzigen Entfaltung der Schönheit in Verbindung zu bringen. Das wäre eine dankbare Anregung für einen Aufsatz über den Versuch, die Folgen des Bösen auf einer persönlichen Ebene aufzulösen. Die Geschichte von der Krypta, dem Fluss und der verliebten Taube.

 

Boris Pahor, geb. 1913 in Triest, erlebte in seiner Jugend di8e Unterdrückung der Slowenen durch den italienischen Faschismus, wurde 1945 von den Nazis verhaftet und verbrachte die Zeit bis Kriegsende in verschiedenen KZS, Genesung in Frankreich nach Kriegsende, international anerkannter slowenischer Schriftsteller; bei KITAB erschienen bisher 5 Bücher.